N99 | Steffen Mensching über das Wien der 20er und Graphologie

"Ich traue diesem Schermann nicht"

11.10.2018

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hat Rafael Schermann in Österreich Menschen die Zukunft vorhergesagt – anhand ihrer Handschrift. Der Autor Steffen Mensching hat diesem Mann zwölf Jahre seines Lebens gewidmet, aus denen ein Roman entstanden ist: "Schermanns Augen".

Steffen Mensching - Schermanns Augen

Schermanns Augen

Steffen Mensching

(Wallstein, bereits erschienen)

Steffen Mensching, ein Multitalent

Mehr als zwölf Jahre hat Steffen Mensching an seinem vierten Roman gearbeitet. Das lag aber vermutlich nicht nur daran, dass er sich gedanklich in die 1930er- und 1940er-Jahre versetzen musste. Seit 2008/09 ist er außerdem Intendant am Theater Rudolstadt, wo er auch eigene Stücke inszeniert.

Besonders fasziniert ist Steffen Mensching von der früher weitverbreiteten Praxis der Graphologie. Anhand der Schrift haben Graphologen die Charaktereigenschaften von Mitmenschen bestimmt. Doch niemand ist dabei weitergegangen als der Österreicher Rafael Schermann. Der meinte, so sogar die Zukunft der Klienten voraussagen zu können. Für Mensching unvorstellbar. Dennoch hat er sich in seinem Roman „Schermanns Augen“ mit dieser historischen Figur beschäftigt und sein Leben im sowjetischen Gulag beschrieben.

Nationalismus ist das Letzte, was die Welt braucht. Ich glaube, dass man in so einer globalisierten Welt, in der wir leben, mit solchen Maßnahmen nur Schaden anrichten kann. Da sehe ich traurige Parallelen zu der Zeit in meinem Roman. – Steffen Mensching

„Schermanns Augen“ – worum geht’s?

Eben noch war Rafael Schermann in der Wiener Caféhaus-Szene ein bunter Hund, bekannt mit Gott und der Welt von Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Magnus Hirschfeld bis zu Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Ehrenstein, Döblin, Bruckner, Eisenstein, Stanislawski, Piscator … Selbst der scharfzüngige Karl Kraus erhoffte sich von Schermanns graphologischer Begabung beim Deuten von Briefhandschriften entscheidende Hilfe in seinem Liebeswerben um Sidonie Nádherný … Und jetzt landet dieser schillernde Mann völlig abgerissen und todkrank als Gefangener am Ende der Welt, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas an der Bahntrasse nach Workuta im Lager Artek. Sofort zieht einer, der aus Handschriften Vorhersagen ableiten kann, außerordentliches Interesse auf sich, ob nun das des Lagerkommandanten (selbst der kann nicht sicher sein, ob er morgen Chef eines größeren Lagers sein oder man ihn erschießen wird) oder das seiner Mitgefangenen. Wallstein.

detektor.fm-Moderator Christian Eichler hat mit Steffen Mensching über sein neues Buch „Schermanns Augen“ gesprochen.

Redaktion: Thomas Oysmüller


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