Nach dem „Marsch aufs Kanzleramt“: Beteiligt Euch!

23.09.2013

Wir werden überwacht. Ausgespäht. Durchleuchtet. Alle. Immerzu. 80 Schriftsteller rund um Juli Zeh begehrten dagegen auf - die erste gemeinsame politische Aktion deutschsprachiger Schriftsteller seit Jahrzehnten. 69.000 unterzeichneten ihren offenen Brief. Die Lyrikerin Anke Bastrop sagt nun: wir müssen dranbleiben! Ein Aufruf.

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„Deutschland ist ein überwachungsstaat.“ So titelt die FAZ Ende Juli in Zusammenhang mit der NSA-Affäre. Es folgt ein offener Brief von achtzig Schriftstellern an Bundeskanzlerin Angela Merkel, initiiert von Schriftstellerin Juli Zeh. Die Schriftsteller fordern sie darin zu einer angemessenen Reaktion auf die Spähangriffe auf. Der offene Brief ist online von mehr als 69.000 Bürgern unterzeichnet worden.

Kürzlich wurden die Unterschriften an die Bundesregierung übergeben. Dazu versammelten sich dreißig Schriftsteller zum „Marsch aufs Kanzleramt“. Unter ihnen namenhafte Autoren wie Juli Zeh, Julia Franck, Michael Kumpfmüller, Ingo Schulze, Nora Bossong und Ulrike Draesner. Es war die erste gemeinsame politische Aktion deutschsprachiger Schriftsteller seit Jahrzehnten. Das Medienecho war groß.

Vereinzelt wurden auch kritische Stimmen laut. Hochmütig und peinlich, nannte etwa Schauspieler Ulrich Matthes die Aktion, als er bei Beckmann in der Talkshow saß. Kann uns der „Marsch aufs Kanzleramt“ etwas über unseren Umgang mit Politik und Engagement sagen? Wie können wir dran bleiben, nachdem die Wahlen vorbei sind? Wollen wir das? Und haben wir eine Chance? Die Lyrikerin Anke Bastrop war beim „Marsch aufs Kanzleramt“ dabei. Sie sieht die Aktion auch als Aufruf zur Beteiligung.

 


 

Zum Nachlesen:

„Beteiligt euch!“ – Ein Aufruf von Anke Bastrop

Ich kämpfe nicht gern. Jede Art Kampf ist eine Fokussierung. Man verengt sich. Bis in die Nackenmuskeln ist es zu spüren: wie man härter, enger, unbeweglicher wird. Ich stehe gern auf weiter Fläche: Man kann sich leicht und frei bewegen, miteinander, ohne einander, und den Lauf der Dinge am Horizont ablesen. Nur hin und wieder kommt es vor, daß ich von meinem Platz auffahre und mich aufgerufen fühle, klar und unmißverständlich in Richtung Horizont zu rufen: Nein. Stop. Zurück. Es fühlt sich dann an, als rolle sich meine innere Landkarte zu einer Lanze zusammen.

Mein Vertrauen in den Lauf der Dinge ist groß. Doch in letzter Zeit nehmen die Stop-Rufe zu. Die NSA eignet sich virtuelle Spiegel, Spuren und Abdrücke von Menschen an – mit derselben Vehemenz und Pauschalität, wie Terroristen sich Menschen aneignen. Terroristen, vor denen vermeintlich geschützt werden soll. Die Bundesregierung gibt sich zurückhaltend wie ein Geheimdienst. Wir sehen unseren Spiegeln, Spuren und Abdrücken noch nicht mal mehr hinterher, wenn sie in Bruchteilen einer Sekunde den Atlantik durchtauchen. Bares Geld, nebenbei. Und ich beginne, mehr Angst vor Sicherheit zu haben als vor Gefahr.

Dreißig Schriftsteller tragen dreißig Kisten zum Kanzleramt. In diesen Kisten befinden sich mehr als 67.000 Unterschriften eines offenen Briefes an die Bundesregierung. Die Unterzeichner fordern eine angemessene Reaktion auf die NSA-Affäre. Dreißig Kisten tragende Autoren angesichts eines gigantischen politischen Machtapparats. Einige tragen auch Regenschirme. Denn in Berlin ist Regen angesagt.

„Ich wollte das: verletzbar sein“

Vor der Aktion habe ich 67 ehemalige Kommilitonen, Kollegen meines Alters, über die Aktion informiert. Die meisten stehen wie ich am Anfang ihres schriftstellerischen Tuns. Daraufhin hat sich eine von 67 Autoren angeschlossen. Ich weiß nichts über die Gründe der 66 nicht Mitgegangenen. Was in der Luft liegt, ist aber in vieler Hinsicht symptomatisch. Dreißig Autoren angesichts eines gigantischen politischen Machtapparats. Angesichts einer verharmlosenden Regierung im Wahlkampf. Angesichts eines für uns nicht vollständig sichtbaren Netzwerkes. Da mag man sein Haus gar nicht erst verlassen. Das ist weniger als ein Blatt im Wind. Das ist weder repräsentativ noch verhältnismäßig. Aus diesem Grund bin ich mitgegangen.

Lyrikerin und eine der Teilnehmerinnen am «Marsch zum Kanzleramt». / © Monika LawrenzAnke BastropLyrikerin und eine der Teilnehmerinnen am «Marsch zum Kanzleramt». / © Monika Lawrenz 

Ich wollte mich dort hinstellen: in der ganzen stolzen Fragilität, dieser seltsamen Angreifbarkeit unseres Menschseins. Ohne sichernde Aufmärsche, Fanfaren und Megaphone. So, wie jeder Einzelne der Welt gegenübersteht. Mit Hochmut hat das wenig zu tun, mit Nacktheit viel. Ich wollte das: verletzbar sein. Es entspricht dem Stand des Wortes in der virtuellen Welt. Und es entspricht dem Stand des Menschen in dieser politischen Frage.

In der Pressemitteilung zum „Marsch aufs Kanzleramt“ heißt es: „Schriftsteller zeigen Gesicht.“ Dieses Gesicht-Zeigen hat einen bewegten Kern: Sein Gesicht hinhalten. Die Geste vermag alles. Weil alles Wesentliche damit beginnt, daß jemand ausdrückt, wer er ist. Es gilt, die Unverhältnismäßigkeit auszuhalten. Ruhig zu bleiben. Aber zu sagen: Ich lebe noch. Deshalb hat eine Gruppe von 30 Autoren beschlossen, für den Übergang vom Schweigen zum Sprechen einzustehen. Die Frage, ob ich ausreichend Schriftstellerin bin, um mich beteiligen zu können, die Frage also: Wer bin ich? – Ich habe sie mir gestellt. Es ist eine draußen stehende, eine selbstverliebte Frage. Ich wollte drinnen sein. Es war eine gute Entscheidung. Sie hat mich handlungsfähig gemacht.

„Als gäbe es das Internet nur im Traum“

Dreißig Schriftsteller stehen vor dem Kanzleramt und lesen im Chor. Romanciere, Theaterautoren, Lyriker. Individualisten. Ästheten der Form. Lesen einen Brief im Chor. Sie bekommen keine Antwort. Das Schweigen ist wie jeder Sprachakt eine Tat. Ich hoffe, daß wir das noch können: miteinander sprechen. Das Eigene und das Andere miteinander verbinden. Auch: Vom Eigenen absehen. Damit muß es anfangen. Sollten wir nicht mehr gesprächskompetent sein, haben NSA & Co. gewonnen. Sollte es nur noch darum gehen, Wirkungen abzugleichen, Hierarchien aufzustellen, Menschen als Diskurse zu betrachten, die Taten der anderen skeptisch zu überwachen – können wir einpacken.

Ich hoffe, daß wir das noch wissen: was Worte bedeuten. Und wie wir sie gewaltfrei einsetzen. Wie es mit Gewalt geht, können wir an schweigenden Regierungen und Geheimdiensten studieren. Wir aber sollten stocken, stammeln und stottern. Wir sollten die Sprache lebendiger Menschen sprechen. Wir sollten Gesprächsräume auftun, Chöre der Verzweiflung bilden. Wir sollten die Öffnung suchen. Wir können es wenigstens versuchen.

Die NSA-Affäre hat noch keine Masse erreicht, die sich in Bewegung setzen könnte. Vielleicht liegt es auch an der Unfaßbarkeit der Vorgänge. Als hätten sie nichts mit uns zu tun. Als gäbe es das Internet nur im Traum. Als sei das eine abstrakte, von uns losgelöste Welt. Ein Schatten des bloßen Fakts, vielleicht sogar: ein Beweis dafür, daß wir existieren. Vielleicht braucht es noch, um zu begreifen, daß jeder Einzelne von uns unabhängig von seinem bestimmbaren Aufenthaltsort und der hier und jetzt meßbaren Zeit existiert.

Vielleicht braucht es noch, um keine Angst davor zu haben. Sondern der virtuellen Weite seine eigene Weite entgegen-zuhalten. Nicht kämpfend, sondern die eigenen Möglichkeiten, Rechte und Verantwortlichkeiten fühlend. Das sind mehr, als wir jetzt sehen. Nur wer abwinkt, hat verloren.