“Radio ist konkurrenzlos, weil es auf die Ohren geht” – Diskussion zur Zukunft des Radios

11.12.2011

Anlässlich des zweiten Geburtstages von detektor.fm haben am Wochenende Robert Skuppin (radioeins), Boris Lochthofen (Regiocast), Mercedes Bunz (Bloggerin) und Stefan Fischer (Medienredakteur Süddeutsche Zeitung) über die Zukunft des Radios diskutiert.

Vier Gäste aus der Medienwelt diskutieren über die Zukunft des Radios (v.l.n.r): Stefan Fischer, Mercedes Bunz, Moderator Christian Bollert, Robert Skuppin und Boris Lochthofen. Foto: © Jakob Gleisberg/Kollaborat.de

Radio scheint das einzige Medium zu sein, welches von der Digitalisierung kaum betroffen ist. Während das Fernsehen und vor allem die Zeitungen über das Internet stöhnen, klingt Radio heute häufig noch wie in den 1990er Jahren.

An diesem Wochenende haben mit Robert Skuppin (Programmchef von radioeins), Boris Lochthofen (Regiocast), Mercedes Bunz (Bloggerin und Internetexpertin) und Stefan Fischer (Medienredakteur der Süddeutschen Zeitung) vier Radiokenner und Radioliebhaber über die Herausforderungen des Mediums diskutiert. Im ersten Teil hören Sie das Podium zu technischen Entwicklungen wie DAB+ und die Folgen für die Inhalte.

Nein, ich glaube nicht an DAB+. Ich glaube nicht an Technik. Ich glaube an Content und das war auch das große Problem, warum DAB im ersten Anlauf gescheitert ist, weil alle, die Radio gemacht haben in Deutschland der Meinung waren, da muss ihnen sofort ein Geschäftsmodell spendiert werden, da muss, wenn man den ersten roten Knopf drückt gleich Geld fließen, das muss sich sofort rentieren wie UKW. Das ist eine Denke, die heute nicht mehr zeitgemäß ist. Wir sehen das heute ganz anders, wir sehen die Chance bei DAB+ darin, dass es eine effiziente und sehr preisgünstige Technik ist, um Inhalte durch Mauern bei Leuten in die Geräte zu bringen und ubiquitär zu haben, was IP noch nicht kann. Das wird IP irgendwann können. Wir werden irgendwann im tiefsten Forst Netz haben, aber das ist heute nicht so. Und vor dem Hintergrund muss man sich die Frage stellen, wie bringt man Audiocontent zu den Menschen. Da ist DAB im Moment eine interessante Brücken-Technologie. – Boris Lochthofen auf die Frage, ob er an DAB+ glaubt

Wir machen das natürlich auch mit, aber glauben auch nicht dran. Ich saß bei der IFA auf einem Podium und da saß auch einer der Vertreter von DAB+, der mich versuchte persönlich zu überzeugen, dass man da doch jetzt auch noch Bilder übertragen kann und da dachte ich, ist das nicht Fernsehen? – Robert Skuppin zu DAB+

Foto: RegiocastBoris LochthofenFoto: Regiocast 

Radio hat schon immer einen sehr geringen Gesamtwerbemarktanteil gehabt. Beim Radio sind es kumuliert vielleicht knapp ne Milliarde Brutto. Das heißt bei den Sendern kommen insgesamt 500 Millionen an pro Jahr. Vor dem Hintergrund muss man einfach sagen, gibt es beim Radio selbstverständlich einen Anpassungsdruck dahingehend, dass man schauen muss, wie bekommt man ein Massenmedium heute noch vermarktet, aber reichweitentechnisch ist das Problem nicht ganz so groß wie in anderen Gattungen. – Boris Lochthofen zur Relevanz von Radio

Die Tatsache, dass das Geschäftsmodell Radio nach wie vor funktioniert, hat zu einer starken inhaltlichen Erstarrung des Radios geführt. Durch die Endlichkeit der UKW-Frequenzen kommen wenige neue Wettbewerber auf den Markt und da bietet die Digitalisierung eine Chance, Dinge aufzubrechen und Dinge auszuprobieren, auf die dann die Etablierten wieder reagieren müssen. – Stefan Fischer über die Lage der Radiosender

Die große Chance von DAB+ ist es, nationales Radio abseits von Deutschlandradio, Deutschlandfunk, Klassikradio, die sich das auf UKW zusammengestückelt haben, nationales Radio zu machen. Wir sind das einzige europäische Land, in dem es keine privat finanzierten nationalen Kanäle auf UKW gibt. DAB ist dafür ein Instrument nicht mehr. – Boris Lochthofen zur Chance von DAB+

Foto: rbbRobert SkuppinFoto: rbb 

Die entscheidende Rolle spielen doch die Inhalte, ich habe noch niemanden kennengelernt, der gesagt hat, ich höre ein Programm nur weil es digital ausgestrahlt wird oder weil es jetzt auf DAB+ ist oder so. Es muss ihn interessieren, es muss da etwas inhaltlich stattfinden. – Robert Skuppin über DAB+

Das Interessante ist die Meta-Ebene, die mir zeigt, wo ist denn gerade mein relevanter Radioinhalt und das interessante ist, dass dann Leute eventuell auch Sender zur Orientierung benutzen. Aber es kann natürlich auch sein, dass es so wird wie die Entwicklung, die wir im Fernsehen beobachten, dass einfach Meta-Aggregationsportale gibt, die einem sagen, hier ist der interessante Sportcontent für dich und hier ist der interessante Musikcontent für dich und da ist das. Das findest du im Netz, das ist umsonst und da musst du bezahlen. Genau da stellt sich die Frage, wer wird Google fürs Radio sein. – Mercedes Bunz über die Herausforderungen der Digitalisierung

Das ist natürlich großer Käs. Das ist eine idiotische Idee, denn man zerstört Wertschöpfung. Wenn 2015 ausgeknipst wird, wie es noch bis vor kurzem im Telekommunikationsgesetz stand, dann möchte ich mal die Politiker erleben, die dann die Oma vor der Tür haben und ihnen sagen müssen, dein Radio gibt’s nicht mehr. – Boris Lochthofen zur UKW-Abschaltdebatte

Digitale Geschäftsmodelle werden von UKW quersubventioniert. Online und DAB rentieren sich noch nicht. Da gibt es überhaupt noch keine Vermarktungs- oder Konvertierungsmodelle. – Boris Lochthofen zum Geschäftsmodell Digital

Radios sind irgendwie unzerstörbar. Und man kann tatsächlich niemanden erklären, warum die 300 Millionen funktionierenden Radiogeräte weggeschmissen werden sollen. – Stefan Fischer zur Abschaltdebatte


Im zweiten Teil der Diskussion geht es vor allem um die Folgen der Digitalisierung für das Radio und die Inhalte.

Menschen sind viel sozialer als wir immer dachten. Die wollen gar nicht immer nur hören was sie wollen oder was ich gut finde, sondern die wollen auch wissen, was andere Leute da draußen gut finden. Deswegen will man doch von anderen gefundenes oder von anderen ausgesuchtes. – Mercedes Bunz zur Digitalisierung und Personalisierung

Sollte das Internet überall verfügbar sein, werden die öffentlich-rechtlichen Sender eher stärker werden. Aufwändig produzierte Inhalte, live vorgetragen sind dann nämlich viel spannender als das, was man aus der Konserve bekommt. – Robert Skuppin zu den Chancen der Digitalisierung

Foto: Alessandra SchellneggerStefan FischerFoto: Alessandra Schellnegger 

Ich glaube nicht, dass wenn man die Sender alle deutschlandweit empfangen könnte, dass es dann noch 55 ARD-Wellen gibt. – Stefan Fischer zur Digitalisierung

 

Radio ist konkurrenzlos, weil wir nicht auf die Augen gehen, sondern auf die Ohren. Deshalb hat Radio generell momentan kein Probleme. Das ist ja das Problem der Zeitung, des Fernsehen und des Netzes – die werden alle mit den Augen genutzt. Hörfunk hat einen großen Wettbewerbsvorteil: ich kann es im Auto nebenher hören, ich kann irgendwo liegen und da gibt es keine Konkurrenzangebote außer der CD und des Hörbuchs. Und deswegen ist es auch Schwachsinn bei DAB+ irgendwelche Fotos zu übertragen, weil die brauch ich nicht. Der Wettbewerbsvorteil ist ja gerade, dass mir nichts dabei anschauen muss, sondern ich höre einfach nur und das wird auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte so bleiben. – Robert Skuppin über die Stärken des Radios

Es ist die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks das Medium Radio weiterzuentwickeln. Denn die privaten Anbieter, und das kann ich gut verstehen, müssen in erster Linie damit Geld verdienen. – Robert Skuppin zur Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Foto: Thomas LohrMercedes BunzFoto: Thomas Lohr 

Durch die Digitalisierung entwickeln sich auch ganz neue Geschäftsmodelle fernab von den bisherigen öffentlich-rechtlichen oder privaten Angeboten. Da sind die Inhalte die Glanzstücke um die der Rest der Geschäftsidee herumgruppiert wird. Das kann Impulse geben für die anderen, klassischen großen Radiostationen. Und es ermöglicht eine ganz andere Art von Arbeitsplatzbeschaffung. – Mercedes Bunz zu neuen Geschäftsmodellen

Wir wollen in Deutschland ein Talkradio machen. Das ist natürlich sehr teuer. Du musst dir einen Kopf machen darüber, wie erklärst du es deinem Gesellschafter, dass du Herrn Sarrazin und Herrn Friedmann für ein Schweinegeld einkaufen musst, damit die sich die Köppe heißreden und an dem Tag die Leute über Content fesseln. – Boris Lochthofen will ein Talkradio etablieren

Je größer und stärker die Konkurrenz wird, desto wichtiger wird es, dass man Qualität anbietet, dass man auch exklusive Inhalte anbietet. Die Livegeschichte wird immer funktionieren und Radio ist ein emotionales Medium. Wenn es nicht mehr emotionalisiert ist, wird es auch nicht funktionieren. – Robert Skuppin zur Zukunft des Radios

Radio wird das letzte regionale Massenmedium sein. Diesen Trend sehen wir deutlich. Mit Radio erreicht man sehr effizient sehr viele Leute. Gerade Privatradios werden immer ein Möbelhaus finden, dass sagt am Wochenende gibt es 50 % auf alles und wir machen denen die Hütte voll. – Boris Lochthofen zur Zukunft des Radios