Stadtgespräch | Protestbrief gegen Chris Dercon

Dicke Luft an der Berliner Volksbühne

21.06.2016

An der Berliner Volksbühne haben sich viele Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Dramaturgen und Techniker gegen den neuen Intendanten Chris Dercon gewandt. Der Belgier soll im kommenden Jahr die Leitung des Theaters übernehmen. Ein Teil der Mitarbeiter hat einen Protestbrief an das Berliner Abgeordnetenhaus geschrieben.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz ist für Berliner eine Institution – seit über einem Jahrhundert gibt es das Haus bereits. Nach dem Mauerfall hat Frank Castorf das Theater übernommen. Mit ihm als Intendanten hat die Volksbühne internationale Berühmtheit erlangt, viele namhafte Schauspielerinnen und Schauspieler wie Sophie Rois und Martin Wuttke arbeiten hier.

Regisseure wie Herbert Fritsch entwickeln an der Bühne Produktionen. Das Theater wird vom Land Berlin bezuschusst – 2010 hat die Volksbühne mit 141 Euro pro Karte die höchsten Subventionen unter den Sprechtheatern erhalten. Seit jeher gehören skurrile Inszenierungen zum Aushängeschild der Volksbühne.

Die Volksbühne ist ein ganz besonderes Theater, das man nicht mit normalen Maßstäben messen kann. – Rüdiger Schaper, Leiter des Kulturressorts beim Tagesspiegel

172 Mitarbeiter haben unterzeichnet

Nach 25 Jahren unter Castorfs Leitung soll im nächsten Jahr ein neuer Intendant das Haus übernehmen: Der belgische Kurator und Museumsleiter Chris Dercon ist 2015 offiziell als Nachfolger vorgestellt worden. Ihm weht jedoch teilweise ein eisiger Wind entgegen. Denn nicht alle Mitarbeiter sind von seinem neuen Konzept für die Volksbühne begeistert, viele Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Dramaturgen und Techniker sorgen sich sogar um die Zukunft des Theaters.

Das Konzept steht im Einzelnen noch gar nicht fest. Was man weiß ist, dass Dercon die Akzente verschieben wird: Es soll mehr Tanz, Performance und Multimediales geben. Das gab es vorher aber auch schon an der Volksbühne. – Rüdiger Schaper, Tagesspiegel

Gefällige Tanzproduktionen statt schrillem Sprechtheater?

Viele Mitarbeiter der Volksbühne befürchten, Dercon könne den Charakter ihres Theaters verfälschen. Von einer „irreversiblen Zäsur“ und einem „Bruch in der jüngeren Theatergeschichte“ ist sogar die Rede. Tatsächlich ist über Dercons Pläne bislang wenig bekannt. Er selbst hat in Interviews angekündigt, gerne mit vielen Künstlern der jetzigen Volksbühne zusammenarbeiten zu wollen. Andererseits sei laut Thomas Martin etwa der Vertrag der Ausstattungsleiterin nicht verlängert worden. Nun befürchtet die Belegschaft einen starken Stellenabbau.

Ihrem Ärger haben sich die Theaterleute nun Luft gemacht und einen offenen Brief an das Berliner Abgeordnetenhaus sowie die (dafür eigentlich nicht zuständige) Kulturstaatsministerin Monika Grütters geschrieben. Damit wollen sie sich gegen die neue Intendanz wehren. Initiiert wurde der Brief von Thomas Martin, dem künstlerischen Produktionsleiter und Hausautoren der Volksbühne. 172 Mitarbeiter, darunter Schauspieler wie Martin Wuttke und Alexander Scheer, außerdem Regisseure wie Herbert Fritsch, René Pollesch und Christoph Marthaler, haben unterzeichnet.

Man zeigt Chris Dercon die kalte Schulter oder den nackten Hintern. Die letzte Castorf-Spielzeit wird davon geprägt sein. Man wird nicht einfach so gehen. – Rüdiger Schaper

Rüdiger Schaper erklärt im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Christian Eichler, warum an der Berliner Volksbühne der Haussegen schief hängt und was das Theater so besonders macht. Schaper ist Leiter des Kulturressorts beim Tagesspiegel.

Es gibt viele Leute im und außerhalb des Theaters, die die Ablösung von Castorf grundverkehrt finden und ihm am liebsten ein lebenslanges Bleiberecht gegeben hätten. Es gibt auch Leute, die sagen: Nach so einer langen Zeit braucht es eine Veränderung, vielleicht sogar eine radikale.Rüdiger Schaperist Leiter des Kulturressorts beim Tagesspiegel.