Ungarisches Kino – Leiden unter der umstrittenen Regierung Orbán

03.03.2012

Das ungarische Kino zwischen nationalistischer Kulturpolitik und gefährdeter Kunstfreiheit. Die nationalistische Regierung Orbán in Ungarn beschränkt auch die Freiheit der Filmemacher. Dabei sorgen ungarische Filme immer wieder für Achtungserfolge und die Filmemacher wollen sich offenbar auch nicht der Regierung beugen.

Ungarn ist international momentan sehr isoliert. Das hat auch Folgen für das ungarische Kino. Foto: © Dodann, wikipedia.de

Patrick Wellinskileidenschaftlicher Kinogänger und Kritiker. 

Erst letzten Februar sorgte das ungarische Kino während der 62. Berlinale für Aufsehen. Das hatte natürlich etwas mit dem Großen Preis der Jury für Bence Fliegaufs Film „Csak a Szél“ (Just the Wind) zu tun. Der Ungar zeigt in seinem eindrücklichen Werk den hassgeleiteten Mord an einer Roma-Familie im heutigen Ungarn. Ein brisanter Stoff. Für die ungarische Botschaft in Deutschland wohl zu brisant. Kurzer Hand verteilte sie während des Festivals Flugblätter, die den Film in ein besseres Licht rücken sollten.

Eine irritierende Aktion, die aber durchaus typisch für die derzeitige Lage der Filmproduktion in Ungarn ist. Die nationalistische Politik unter Regierungschef Victor Orbán hat auch den Bereich der Kultur erfasst. Nachdem die Filmförderung vor zwei Jahren eingefroren wurde, soll nun Hollywood-Produzent Andrew Vajna („Rambo“, „Terminator“) den ungarischen Film wieder exportfähig machen. Aber wo bleibt da die künstlerische Freiheit? Wie können in einem solchen Umfeld noch kritische und gewagte Stoffe verfilmt werden? Fragen, mit denen sich alle ungarischen Filmemacher zunehmend auseinandersetzen müssen.

Die Regierung hat jede Unterstützung für uns gestoppt. Die Hälfte der Produzenten ist schon pleite, Kinos schließen, drei meiner eigenen Produktionsprojekte liegen auf Eis, obwohl mit den finanziellen Partnern alles vorbereitet ist. Aber die von staatlicher Seite unterschriebene Förderzusage ist jetzt bloß noch Klopapier. – Béla Tarr im Tagesspiegel-Interview 2011

Einer, der sich nie mit dieser Politik gemein gemacht hat, ist der Autorenfilmer Béla Tarr, dessen letzter Film „Das Turiner Pferd“ (großer Preis der Jury auf der Berlinale 2011) am 15. März in den deutschen Kinos anläuft. Tarrs Kritik an der Regierung Orbán war letztes Jahr derart heftig, dass er öffentlich von seinen Äußerungen Abstand nehmen musste. Und dennoch bleibt der Nihilist des europäischen Autorenkinos (Markenzeichen: silbrig-graue Haare und schwarzer Mantel) weiterhin einer der wenigen offenen Kritiker der aktuellen Kulturpolitik seines Landes.

Über diese brisante Gemengelage, über Béla Tarrs vermutlich letzten Film und über die Frage, ob sich unter den aktuellen politischen Umständen in Ungarn überhaupt noch Filmkunst produzieren lässt, hat sich Andreas Kötzing mit Patrick Wellinski unterhalten.

Trailer zu „Das Turiner Pferd“