vox:publica 05/2013 – Ein Rückblick auf die re:publica 2013

13.05.2013

Manche nennen sie das Klassentreffen der sogenannten "Netzgemeinde". Doch die re:publica 2013 bot durchaus mehr Stoff zum Diskutieren. Beeinflusst das Digitale die Politik? Ersetzt Technik den Menschen? Wie leben wir gesünder im Morgen? Was hat #Aufschrei gebracht? Und wie finden wir morgen neue Musik?

vox:publica-Reporterin im Einsatz. / © detektor.fm

Wir feiern ein kleines Jubiläum: denn fast genau vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle die allererste vox:publica-Sendung präsentiert. Das Thema damals: die Internetkonferenz re:publica 2012. Seitdem konnten wir mit Hörerinnen und Hörern, Nutzerinnen und Nutzern und vielen Experten über Bio-Essen und digitales Lesen, (un-)korrekte Sprache und Homöopathie und vieles andere mehr sprechen – alle Ausgaben von vox:publica gibt es hier.

Und die re:publica ist im deutschsprachigen Raum auch im Jahr 2013 die wichtigste Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft. Deshalb widmen wir die Mai-Ausgabe von vox:publica dieser Konferenz und der Frage, welche Folgen die dort diskutierten Themen für die Gesellschaft haben könnten. Wir sprechen über Politisches, über Technisches, über besseres Leben – und natürlich auch über einige Themen mehr.

Politik – Von Transparenz und Kommunikation

In Deutschland scheint der Kurznachrichtendienst Twitter erst in den letzten Jahren auch für Politiker relevanter zu werden. Wie wichtig Twitter für Politik(er) heute ist, war auch ein Thema auf der re:publica.Eine Frage, zu der man am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München forscht – wir reden mit Christian Nuernbergk, einem der Forscher darüber.

Vorsitzende der isländischen Piratenpartei.Birgitta JonsdottirVorsitzende der isländischen Piratenpartei. 

Wenn es um Öffnung und Transparenz geht, ist auch „Open Data“ ein wichtiges Schlagwort – also offene Daten. In der Hoffnung vieler „Open Data“-Aktivisten schaffen offene Daten mehr Transparenz und damit mehr Demokratie – sollen doch staatliche Einrichtungen so besser kontrollierbar sein. Doch tun sie das? Und können Laien die Daten überhaupt verstehen? Fragen, die wir an Stefan Wehrmeyer und an Julia Kloiber von der gemeinnützigen Stiftung „Open Knowledge Foundation“ geben.

Das Politik-Machen für Bürger zu öffnen, ist das Ziel hinter „liquid democracy“. Menschen sollen über das Internet aktiv an politischen Entscheidungen mitwirken können, und nicht mehr nur alle vier Jahre wählen. Auf Island ist mit einem solchen Modell eine neue Verfassung diskutiert worden. Eine der treibenden Kräfte dieser neuen Form von Demokratie auf Island ist Birgitta Jonsdottir, heute Vorsitzende der isländischen Piratenpartei.

Birgitta Jonsdottir über “liquid democracy”

Technik – Was geht, was bleibt, was kommt?

Steht bei Ihnen im Wohnzimmer noch ein klassischer Fernseher? Immer mehr Menschen verzichten darauf – und schauen Nachrichten, Serien oder Reportagen über Laptop, Tablet oder Computerbildschirm. Der Erfolg der Mediatheken ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich das Fernsehverhalten fundamental wandelt. Bertram Gugel beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema und hat zusammen mit Markus Hündgen auf der re:publica über die Rolle von youtube gesprochen.

Hier im Gespräch mit Christian Bollert (links).Bertram GugelHier im Gespräch mit Christian Bollert (links). 

Nicht weniger aufregend ist der Hype, der rund um 3D-Drucker entsteht. Denn die können Gegenstände wie aus dem Nichts herstellen. Momentan weiß noch niemand ganz genau, wie sehr diese 3D-Drucker unsere Gesellschaft tatsächlich verändern werden. Marlene Vogel ist Physikerin und Mitgründerin des Startups “Trinckle”. Ob 3D-Drucken die dritte industrielle Revolution wird, haben wir sie gefragt.

Auch im Automobil-Sektor stehen große Umbrüche bevor. Denn unsere gesamte Mobilität wandelt sich. Sich darauf einzustellen und die Entwicklungen vorauszuahnen, ist der Job von Alexander Mankowsky, Zukunftsforscher bei Daimler Benz. Und vom Zukunftsforscher eines Autoherstellers erwartet man natürlich als Reporter eine Antwort auf die Frage: Wie ist es denn, das Auto der Zukunft?

Die Antworten der Experten und die Reaktionen einiger Nutzer darauf gibt es hier zu hören:

Bertram Gugel und Markus Hündgen auf der re:publica 2013

Leben – Gesünder leben mit und ohne WWW

Ein Thema war auf der diesjährigen re:publica sehr präsent: das Verhältnis von Gesundheit zum digitalen Leben. Viele Geeks, Kreative und Freiberufler halten sich mit Mate oder Kaffee wach, wenn der Körper nach Ruhe verlangt. Dass wir dadurch unseren Körper strapazieren, wissen die meisten. Manchmal hilft ja schon, dass man darüber redet – zum Beispiel mit Matthias Bauer. Weil der sich, nach eigener Aussage, über Winter mal eine ordentliche Wampe angefressen hatte, sprach er in Berlin zum Thema “Gesünder Leben als Geek”.

Auch ein Volkssport, obwohl ihn die wenigsten zugeben: Krankheiten googlen. Ein Problem: die verlässlichen Informations-Lieferanten wie Krankenkassen oder staatliche Einrichtungen sind im Netz nicht gut genug vertreten. Und so wird das Feld fast ausschließlich privatwirtschaftlichen großen Webseiten überlassen. Ein Zustand, den Alexander Schachinger kritisiert, der sich mit Gesundheitsdiensten im Netz beschäftigt.

Das „Internet der Dinge“ ist vielleicht das Schlagwort schlechthin, wenn es um die Zukunft des Internets geht. Es geht darum, dass via Internet auch Geräte und Maschinen miteinander kommunizieren. Und dass so Ihre Heizung und Ihre Waschmaschine eben genau wissen, wann Sie nach Hause kommen – weil das Smartphone von allein Bescheid gesagt hat.Martin Spindler beschäftigt sich damit und mit der Frage, ob das nicht auch unsere Beziehung zu unseren Städten verbessern könnte.


…und sonst so

Musik-Algorithmen schlagen uns immer öfter neue Musik vor – doch wie sähe das aus, wenn die ideal funktionieren würden? Eric Eitel hat sich diese Frage gestellt.

Blogs schaffen mitunter eine Art Gegenöffentlichkeit zu klassisschen Medien. Doch warum sind muslimische BloggerInnen oftmals so wenig sichtbar? Stine Eckert sucht nach Antworten hierzu.

Und dann war da noch #Aufschrei. In Twitter begannen vorwiegend Nutzerinnen, Alltagserfahrungen aufzuschreiben: Erfahrungen, in denen sie Sexismus und Benachteiligung durch männlich dominierte Machtstrukturen zu spüren bekamen. Unter dem gleichnamigen Hashtag – so heißen suchbare Schlagworte in twitter – entstand eine regelrechte Lawine. Und die schaffte es auch in die Mainstream-Medien außerhalb der Twitter-Welt. Was aber hat Aufschrei gebracht? Eine solche Zwischen-Bilanz hat die Namensgeberin des Hashtags auf der re:publica gezogen: und Marcus Engert hat mit Anne Wizorekdarüber gesprochen.

Wie die Bilanz ausfällt und auf welches Echo sie bei einigen Twitter-NutzerInnen stößt, hören Sie hier:


Anne Wizoreks Vortrag in voller Länge

Der Überraschungsvortrag von Sascha Lobo


Bonus: Eine Smartphone-skeptische Mail

Diese Mail erreichte uns kurz vor der der Sendung. Sie ist leider zu umfangreich für die einstündige Sendung – aber die Argumente von Frank K. sind spannend. Zum Mitdiskutieren daher hier die komplette Mail. Überzeugt oder ganz anderer Meinung? Wir freuen uns auf Antworten – im Kommentarfeld.

Da ich den Mehrwert von Smartphones zwar schon erkannt, aber bewusst nicht nutzen möchte, schreibe ich euch meine Gedanken zum “Leben Morgen” eben per Mail.

Denn das ist für mich auch schon der Punkt: Smartphones beherrschen schon heute stark unseren Alltag. Wo ist das nächste Restaurant? Smartphone raus. Wie heißt der Song, der da gerade auf der Party gespielt wird? Smartphone raus. Was wollte ich eigentlich noch einkaufen? Smartphone raus.

In vielen Fällen ist der mobile Begleiter zur aktiven Lebenhilfe geworden. Was man früher bei anderen Menschen erfragte, sich aufschrieb oder einfach merkte, landet heute im Smartphone. Das ist zum einen sicherlich praktisch, man hat sein komplettes Leben ja quasi bei sich. Auf der anderen Seite hat man aber auch sein komplettes Leben bei sich, verliert man es, ist man aufgeschmissen.

Versteht mich nicht falsch, viele Funktionen finde ich genauso praktisch, wie jeder andere auch, doch möchte ich nicht meine ganze Organisation, Planung und Kommunikation an dieses kleine Gerät abgeben.

Oft genug habe ich es schon erlebt, ob im privaten oder geschäftlichen Gespräch, dass der Blick des Gegenübers unweigerlich auf den digitalen Helfer wandert … ist er einmal da, kann man ja gleich Antworten, geht doch ganz schnell. Genauso bedenklich finde ich es, wenn man bei einem netten Quizabend in der Kneipe sitzt und noch explizit erwähnt werden muss, dass man nicht online die Antworten nachschlagen soll. Mein Gott, das ist doch gerade der Spaß daran! Auch Kollegen und Freunde, die früher aller halben Jahre mal eine E-Mail geschrieben haben, haben sich nun ihrer Geschäftskonto auf das Smartphone leiten lassen, sind jederzeit erreichbar und beschweren sich was sie zu später Stunde immer noch alles machen müssen.

Sicher, das sind oft noch Einzelfälle, doch durch die Omnipräsenz von Smartphones immer häufiger Alltag. Jetzt sind es aber eigentlich nicht die kleinen Helferlein ansich, die dazu führen, sondern die Menschen dahinter, die sich mit der neuen Technik und ihren Möglichkeiten adäquat weiterentwickeln müssen. Nicht alles, was geht, sollte gemacht werden. Stattdessen finde ich, dass man froh sein sollte die Wahl zu haben, ob man etwas deart nutzt, oder eben nicht. Ja sogar, ob man das Smartphone einfach mal ausschaltet oder nicht. So oder so, werden sich Smartphones auf unser künftiges Leben und wie wir miteinander kommunizieren auswirken, nur das Wie muss noch geklärt werden. Jede Selbstbestimmung an diese Geräte – und deren Softwarehersteller – abzugeben, halte ich allerdings für den falschen weg. Und ein persönliches Gespräch läuft eben doch besser, wenn man selbst etwas weiß, als vorher noch einmal nachschlagen zu müssen.

Viele Grüße, Frank.