Album der Woche: Arcade Fire – The Suburbs

09.08.2010

Jeder, der in einem Dorf oder einer Kleinstadt aufgewachsen ist, kennt es: Das bedrückende Gefühl, das einen beschleicht, wenn man nach Jahren in seine alte Heimat zurückkehrt. Die Straßen sind leergefegt, alte Bekannte haben Haus und Familie und so rein gar nichts mehr mit der Sandkasten-Freundschaft von früher gemein. Ausflüge in solche Parallelwelten bringen oftmals längst verdrängte Erinnerungen zu Tage – eine Erfahrung, die auch das Ehepaar Win Butler und Régine Chassagne von der Band Arcade Fire gemacht haben. Das Resultat dieser Erinnerungen befindet sich nun geballt auf dem neuen Album „The Suburbs“.

Arcade Fire - The Suburbs

The Suburbs

Arcade Fire

(Mercury, bereits erschienen)

Nachdem Arcade Fire mit Funeral den großen Hype geschürt, sich mit Neon Bible schon fast unsterblich und die Kirchenorgel Pop-konform gemacht haben, leisten die Kanadier nun auf The Suburbs Erinnerungsarbeit. Frontmann Win Butler besucht die Orte seiner Kindheit und stellt fest: Der Tag, an dem er in jene texanischen Vororte zurückkehrte, war – so eine Liedzeile – der einsamste Tag seines Lebens. Ausschlaggebend für diese finstere Retrospektive war eine E-Mail von einem alten Freund, mit dem Butler in der Nähe von Houston aufgewachsen ist.

Er schickte uns ein Bild mit ihm und seiner Tochter auf den Schultern, vor einem Kaufhaus um die Ecke, wo wir damals gewohnt haben. Die Kombination aus der vertrauten Umgebung und dem alten Freund mitsamt Kind – das brachte die Gefühle von damals wieder hoch. Ich hab mich dann dabei erwischt, wie ich die ganzen Erinnerungen an meinen Heimatort wieder auffrischen wollte.

Sofort begann Butler diese Erinnerungen im Song The Suburbs zu manifestieren um schlussendlich festzustellen, dass das Thema genug Stoff für ein ganzes Album hergibt. So entstanden 16 Songs, die von der Vorhölle der Kleinstadt erzählen, vom lang ersehnten Führerschein als Ticket nach draußen und von Erinnerungen an eine Zeit, in der Kommunikation noch ganz anders ging.

Ich hatte eine Brief-Romanze mit einem Mädchen von der Schule. Als ich versuchte mich daran zu erinnern, war da vor allem das Gefühl des Wartens. Den ganzen Sommer, manchmal ein halbes Jahr, hat man gebangt und darauf gewartet, dass endlich ein Brief ankommen würde. Jeden Tag hing da diese Wolke der Ungewissheit über einem. Jeden Tag bin ich zum Postamt gegangen, um festzustellen: Heute wieder nichts gekommen. Und dann war der ganze Tag von diesem Gefühl eingenommen. Ich will mich nicht wie ein alter Opa aufspielen, aber das wird eins der Dinge sein, die ich eines Tages mal meinen Enkeln erzählen werde und das wird sie umhauen.

Und nicht nur in Sachen Brief-Romanzen haben sich die Dinge geändert. Butlers Ehefrau Régine Chassagne erinnert sich:

Wenn man heute einen Song haben will, dann bekommt man den in zwei Sekunden. Früher war es so: Du hast irgendwo einen Song gehört und musstest dich daran erinnern bis du ihn wieder irgendwo gehört hast. So bin ich aufgewachsen und ich glaube, dass das mein Gehirn trainiert hat. Manche Songs kann ich vorwärts und rückwärts abspielen, weil ich so leidenschaftlich gern neue Songs gehört hab. Ich hab den Sound förmlich in mich aufgesogen und jedes Detail rausgehört, um es in meinem Kopf wiedergeben zu können.

Musikalisch distanzieren sich Arcade Fire auf The Suburbs ein wenig vom orchestralen Pomp des Vorgängers. An die Stelle des ausufernd orchestrierten Größenwahns treten nun Folk-Pop, 60s-Anleihen und vereinzelte Rock-Ausbrüche. Geblieben ist das bierernste Pathos, das auf Neon Bible noch den religiösen Wahn und die politischen Anti-Bush-Anspielungen zierte. Auf ihrem Neuling zieht sich die Band ins Private zurück und schafft es einmal mehr die Stimmung einer ganzen Generation einzufangen. Spätestens wenn‘s zum nächsten Abi-Jahrgangs-Treffen geht, sollte man für die Zugfahrt einen MP3-Player und genau dieses Album dabeihaben.