Album der Woche: Calexico – Algiers

03.09.2012

Sechs Studioalben haben Calexico schon auf dem Buckel. Daneben Filmsoundtracks und zahllose Kooperationen mit Künstlern wie Willie Nelson oder Nancy Sinatra. Was kann da noch kommen, könnte man sich fragen. "Algiers" lautet die Antwort und damit haben Joey Burns und John Convertino eines der besten Alben ihrer Bandgeschichte abgeliefert.

John Convertino & Joey Burns - der Kern von Calexico (Foto: Jairo Zavala)

Wüstenrock – das ist so ziemlich die schnarchigste Umschreibung für die wilde Stilmixtur, mit der Joey Burns und John Convertino seit nunmehr 16 Jahren die Musiklandschaft bereichern. Es ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach, ihre Melange aus Country, Jazz, Postrock und traditioneller lateinamerikanischer Folklore mit einem Wort zu erfassen. Aber für dieses Dilemma gibt es jetzt eine Lösung und sie heißt Algiers.

Für alle, die noch nie etwas von Calexico gehört haben, ist dieses Album ein exzellenter Einstieg. Es ist leicht zugänglich, fast schon poppig mit eingängigen Melodien und Riffs, vereint aber trotzdem alle Elemente, die ihren einzigartigen Sound ausmachen. Es gibt radiotaugliche Indierock-Nummern, ein Instrumentalstück, ein jazziges Stück mit spanischen Lyrics und viel Raum in den Songs.

Entspannt, aber fokussiert kommen die neuen Stücke daher. Vielleicht liegt das auch daran, dass Calexico dieses Mal nicht im heimischen Tucson aufgenommen haben, sondern in New Orleans. Die Idee kam von ihrem Toningeneur, sagt Schlagzeuger John Convertino.

Unser Toningenieur Craig Schuhmacher meinte schon lange, dass wir mal nach New Orleans gehen sollten. Und nachdem wir angefangen hatten, die Platte in Tucson aufzunehmen, haben wir gemerkt, dass wir weg müssen von der täglichen Routine unserer Heimatstadt.

Die Zeit war also reif für New Orleans, genauer gesagt für den Stadtteil Algiers Point. Der liegt auf einer der vielen Landzungen, um die sich der Mississippi schlängelt. Dort befindet sich „The Living Room“, eine zum Aufnahmestudio umgebaute, ehemalige Baptistenkirche. Für Calexico waren die meterhohen Decken und der Holzboden nicht nur ästhetisch ansprechend.

Die Klangfülle von Klavier, Schlagzeug und der anderen akustischen Instrumente konnte dort besonders gut zur Geltung kommen. Aber nicht nur die baulichen Besonderheiten haben die Musiker überzeugt. Auch das leckere selbstgekochte Essen der Studiobetreiber war ein unschlagbares Argument:

Einer der Mitbewohner war ein super Koch. Wir haben vereinbart, dass er für uns Mittag und Abendessen kocht. Das war großartig, denn so mussten wir nicht immer überlegen, was wir essen sollen. Man braucht schon viel Energie, um Songs aufzunehmen. Er hat also im New Orleans Stil für uns gekocht und all diese leckeren Düfte, die aus der Küche ins Studio gezogen sind, waren eine echte Inspiration.

Neben den besonderen Bedingungen im Aufnahmestudio, waren die beiden natürlich von New Orleans selbst und seiner kulturellen Vielfalt beeinflusst. Die Songs atmen die Atmosphäre der Stadt: die schwüle Hitze, die wechselhafte Geschichte und diese stets mitschwingende leichte Melancholie. Vor allem die Spiritualität der Region ist für John Convertino überall greifbar gewesen.

Die Gegend dort ist sehr spirituell. Ich bin mir nicht sicher woher das kommt: Es könnte die Umgebung sein, die Luftfeuchtigkeit, die Sümpfe. Aber vermutlich hat es auch etwas mit der Geschichte zu tun, die schönen und schlimmen Dinge, die dort geschehen sind. Wir wollten eine Calexico Platte machen und anstatt die Einflüsse 1:1 zu übernehmen haben wir versucht, die Atmosphäre einzufangen. Ich finde das hört man vor allem in Songs wie Para, Epic oder Fortune Teller.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Carried to Dust ist Algiers weniger ein „zurück zu den Wurzeln“ Album. Calexico gelingt es scheinbar mühelos, ihren ohnehin schon sehr breit gesteckten musikalischen Horizont noch ein Stück zu erweitern. Das jazzige No Te Vayas zum Beispiel ist eine Zusammenarbeit mit dem spanischen Musiker Jairo Zavala.

The Vanishing Mind ist ein majestätischer Song mit herzzerreißender Pedal-Steel und äußerst wirkungsvoll eingesetzten Streichern und Bläsern. Dramatisch Bläser und eine düstere Orgel beschwören in Sinner In The Sea eine Tragödie herauf.

Der kubanische Einschlag in dem Song kommt nicht von ungefähr: Vor einigen Jahren hatten Burns und Convertino mit der spanischen Sängerin Amparo Sanchez in Kubas Hauptstadt Havana aufgenommen. Das amerikanische Embargo gegen Kuba finden die Musiker einfach lächerlich, genauso wie die Grenzpolitik gegenüber Mexiko. Als Bewohner einer Grenzregion setzen sie sich schon seit vielen Jahren mit diesem Thema auseinander, so auch dieses Mal.

Joey und ich haben einmal mit Amparo Sanchez, einer spanischen Sängerin, in Havanna auf Kuba aufgenommen. Wir wurden wieder daran erinnert wie lächerlich das Embargo ist und wie lachhaft die Grenze zwischen den USA und Mexiko ist. Als Musiker versuchen wir das auf unsere Art zu thematisieren. Wir mögen die Musik aus Lateinamerika und wir fühlen uns ihr verbunden. Es ist wirklich traurig, dass Politik und Verwaltung künstliche Grenzen errichten muss. Aber das Schöne an Musik ist ja, dass sie immer ihren Weg findet.

Musik findet immer einen Weg und schafft es, Grenzen zu überwinden. Das haben Joey Burns und John Convertino nicht zuletzt selbst ein ums andere mal bewiesen. Egal ob sie mit einer Mariachi Kombo ein Album aufgenommen oder ein Konzert mit einem klassischen Symphonieorchester gegeben haben.

Mit ihrer Offenheit und Stilsicherheit schaffen sie es immer wieder, neue Einflüsse in die für sie typische Soundästhetik einzubinden, ohne dass es gewollt oder angestrengt klingt. Und mit Algiers haben Calexico mal eben eines der besten Alben ihrer Bandgeschichte hingelegt.