Album der Woche: Dear Reader – Idealistic Animals

12.09.2011

Wenn Cherilyn MacNeil über ihr gebrochenes Herz singt, geht es dabei nicht um eine gescheiterte Beziehung, sondern um den Verlust ihres Glaubens. Mit ihrem zweiten Album, „Idealistic Animals“, begibt sich MacNeil, besser bekannt als Dear Reader, auf die Suche nach einem neuen Sinn im Leben.

Zum Solo-Projekt geschrumpft - Cherilyn MacNeil alias Dear Reader (Foto: © City Slang)

Dear Reader - Idealistic Animals

Idealistic Animals

Dear Reader

(City Slang, bereits erschienen)

Hat eigentlich schon mal jemand erforscht, warum die beste Musik dann entsteht, wenn Musiker in einem tiefen Loch sind? Gebrochenen Herzen und Depressionen scheinen die Kreativität mehr zu beflügeln als die größte Freude. Genau so ist es auch beim neuen Dear Reader Album Idealistic Animals. Die Vorzeichen standen nicht gut, als sich Frontsängerin Cherilyn MacNeil im letzten Jahr wieder ans Klavier setzte. Cherilyn steckte mitten in einer Sinnkrise.

Ich bin sehr religiös aufgewachsen. Als Jugendliche war ich fanatische Christin: Singen, Beten und Fasten haben meinen Alltag bestimmt. Aber mit Anfang 20 habe ich den Sinn in dieser Art zu leben verloren. Ich habe erkannt, dass das, wofür ich jahrelang gelebt hatte, nicht mehr dem entsprach, was ich mir vorstellte und bin in ein tiefes Loch gefallen.

Als ersten Versuch, dem Loch zu entfliehen, riss sie nach dem Erfolg ihres Debütalbums in ihrer Heimat Südafrika alle Zelte ab und verließ ihren Bandkollegen Darryll Torr. Die beiden hatten unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Leben und der Band: Darryll, der gefestigte Familienvater und Cherilyn, die raus wollte aus ihrer Heimat Südafrika.

Es war an der Zeit, in verschiedene Richtungen zu gehen. Ich wollte umziehen, er hat sein Leben dort: Frau, Haus und Kinder. Ich hätte nie gedacht, dass es mit Dear Reader ohne Darryl weitergehen könnte. Aber er selbst hat mich angetrieben weiterzumachen.

Cherilyn zog nach Berlin, wo ihr Label City Slang sitzt und stand erstmal vor einer Menge Problem: Stress mit dem Visum, Deutsch lernen, eine WG finden und das alles Tausende Kilometer entfernt von zuhause. Nach fünf Monaten Schwerelosigkeit hat sie angefangen, an ihrem zweiten Album zu arbeiten.

Idealistic Animals ist Cherilyns Versuch, eine neue Weltsicht aufzubauen. Jeder Song ist nach einem Tier benannt und soll zeigen: „Hey, wir sind alle Teil eines großen Ganzen. Wir Menschen stehen nicht über den Dingen, sondern mittendrin.“

Wir denken ja immer, dass wir der Star unseres eigenen Films wären, aber im Prinzip sind wir nur Teil eines großen, chaotischen Durcheinanders, bestimmt durch Zufall und ohne Erzähler, der alles erklärt.

Früher, sagt Cherilyn, war sie überzeugt, dass jeder sein Leben in die Hand nehmen und frei gestalten könnte. Aber dann wurde ihr klar, dass das vielleicht gar nicht so ist. Vielleicht bestimmt allein unsere Biologie, wer wir sind und was wir tun.

Idealistic Animals ist eine sehr persönliche Platte geworden. Ein „Loosing My Religion“-Album, auf der Suche nach einem neuen Sinn. Cherilyn dreht sich viel um die Fragen nach einem freien Willen, nach dem Alt werden und der Aufgabe im Leben. Sie malt Hoffnung an die Wand, um sie im nächsten Moment gleich wieder zu zerstören, suhlt sich in Selbstzerfleischung und lässt die Welt untergehen. Das Album zu hören, fühlt sich an, wie heimlich in Cherilyns Tagebuch zu lesen.

Mit opulenten Melodien baut sich Cherilyn einen Schutzwall auf. Sie versteckt ihre düsteren Texte hinter luftigen Trompeten, Geigen, Oboen und Chören. Fast könnte man meinen, man höre hier ein klassisches Zucker-Popalbum.

Antworten auf ihre Fragen findet Cherilyn am Ende nicht. Ihre Suche nach dem Sinn und der Aufgabe hält an. Wenn dabei immer solche Alben entstehen, wünscht man sich, dass Cherilyn niemals kapitulieren, sondern immer weiter suchen soll.