Album der Woche | Die Goldenen Zitronen – More Than A Feeling

Sie sind genervt

11.02.2019

Nörgeln, meckern, Widersprüche aufzeigen: niemand kann so herrlich in seinen Songs giften wie Die Goldenen Zitronen. Seit Jahren ist die Hamburger Band ein verlässlicher Seismograph gesellschaftlicher Zustände in Deutschland. Auch auf dem neuen Album „More Than A Feeling“ legen sie den Finger in die Wunde.

Irritiren immer noch: Die Goldenen Zitronen.
Foto: Frank Egel

Die Goldenen Zitronen - More than a feeling

More than a feeling

Die Goldenen Zitronen

(Buback, bereits erschienen)

Von platten Witzen und Parolen haben sich Die Goldenen Zitronen schon mit ihrem 94er-Album Das bißchen Totschlag verabschiedet. Und 2001 konstatierten sie in dem Song Flimmern: „Was solln die Nazis raus aus Dütschland? Was hätte das für ein Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“ Angesichts von Pegida und Co. war die Aufforderung „Nazis raus“ vor einigen Jahren auf Gegendemos wieder allgegenwärtig. Die Goldenen Zitronen sind von Pegida, AfD und der Politik im Allgemeinen selbstverständlich auch genervt. Auf ihrem neuen Album More Than A Feeling fragen sie sich daher „Was meinen sie mit Volk“? Andernorts spitzen sie zu: „Baut doch eure Mauer quer übers Meer, tut nicht so verlogen als fiele euch das schwer“.

Anspruch und Realität

Aber ihre Kritik richtet sich nicht nur gegen die sogenannte neue Rechte. Auch gentrifizierte Großstadtkieze, eine nach immer neuen Sensationsmeldungen lechzende Presse und der schwarze Block werden nicht verschont. In dem Stück Die alte Kaufmannsstadt, Juli 2017 befassen sie sich mit den Ausschreitungen beim G20-Gipfel in Hamburg. Bei den Protesten sind sie zwar selbst aufgetreten, aber Anspruch und Realität gehen in der linken Szene nicht immer Hand in Hand. Im Text heißt es: „Die Gesichter, die man hinter den schwarzen Kapuzen und Sonnenbrillen sehen konnte, waren weiß und meistens männlich.“

Der Song Es nervt ist ein musikalischer Perspektivenwechsel. Die Sängerin Latoya Manly-Spain von der Schwarzen Feministischen Bewegung rechnet mit der Doppelmoral der wohlwollenden, weißen Linken ab: „Den guten Willen nicht in Abrede stellen wollend. Aber um es mal so zu sagen: Es nervt“. Es geht also in alle Richtungen: nachbohrend, suchend, kritisch beobachtend. Denn die einfache Lösung ist in Wirklichkeit eigentlich keine. Und schon gar nicht die der Goldies.

Weg vom Avantgarde-Jazz-Punk

Musikalisch bewegen sie sich weg vom atonalen Avantgarde-Jazz-Punk-Hybrid. In einem kollektiven Prozess wird gemeinsam musiziert und experimentiert und am Schluss ausgesiebt. Übrig geblieben sind in diesem Fall flirrende Synthies, hektisch zappelnden Beats, ein bisschen Krautrock, Postpunk und Disco. Man kann auch tanzen zum Agit-Art-Pop der Goldenen Zitronen.