Album der Woche | Fatoni – Andorra

Mit ihm stimmt was nicht

11.06.2019

Mit Mitte 30 ist man alt, zumindest im deutschen Hiphop. Damit musste sich Anton Schneider alias Fatoni auseinandersetzen. Dabei herausgekommen ist das sehr persönliche Album „Andorra“. Es dreht sich um Fatonis Position innerhalb des deutschen Rap, die eigenen Zweifel und die Midlife-Crisis.

Nicht begeistert vom Zeitgeist: Fatoni.
Foto: JP Welchering

Fatoni - Andorra

Andorra

Fatoni

(Urban, bereits erschienen)

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Das Album der Woche wird präsentiert von Dockin. Promo-Code: detektor.fmDockin10


King of Queens – die Sitcom über den Kurierfahrer Doug Heffernan und seine Frau Carrie thematisiert die alltäglichen Probleme eines mittelalten Durchschnittsamerikaners. Für alle über 30 war diese Serie in den frühen Nullerjahren fester Bestandteil der Vorabendgestaltung. So scheint es auch bei Anton Schneider alias Fatoni der Fall gewesen zu sein. Der heute 34-Jährige stellt im Video zu seinem Song Clint Eastwood vom neuen Album Andorra Szenen aus dem Intro der Serie augenzwinkernd nach. Dazu philosophiert er darüber, wie es sich anfühlt, als Teil der deutschen Hiphop-Szene zu altern. Man kann Themen und Styles nicht mehr nachvollziehen, kennt viele Namen nicht mehr, es kommt einem alles dumm vor. Früher hätte er sich für so ein Statement verachtet, aber der aktuelle Zeitgeist sei einfach nicht besonders geistreich, findet er.

Sperriger Refrain, hektischer Beat

Fatoni ist in München aufgewachsen und hat dort im Jahr 2000 die Band Creme Fresh gegründet, mit der er bis 2012 vier Alben und eine EP veröffentlichte. Währenddessen arbeitete er auch an Solostücken. Mit dem Abum Yo, Picassso erreichte er 2015 Platz 23 der deutschen Charts. Dass er im Vergleich zu anderen Rappern wie Cro oder Kollegah kommerziell eher ein kleines Licht ist, thematisiert Fatoni ganz ohne Selbstmitleid oder Diss der anderen in dem Song Ich glaube mit mir stimmt was nicht. Zu diesem sperrigen Refrain erklingt ein hektischer Beat, der aus der Feder des deutsch-afghanischen Produzenten Farhot stammt. Im gleichen Song kommt auch eine Panikattacke zur Sprache, die er vor einigen Jahren hatte, als er gerade auf der Bühne eines Theaters stand. Denn Fatoni ist nicht nur Rapper, sondern auch Schauspieler. 2014/15 war er fester Bestandteil des Ensembles am Stadttheater Augsburg. Zwischen Proben und Texte lernen schrieb er auch seine Musik und gab an freien Tagen Konzerte. Das wurde irgendwann zu viel.

Auch andere Stücke geben Einblick in Fatonis Seelenleben, seine Ziele, seine Zweifel. Wie in Alles zieht vorbei, darin flüstert Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow nach einem 50-Sekunden-Bläserintro „Egal, wo du hingekommen bist, du warst immer nur Tourist“. Und in Nein, Nein, Nein, Nein, Nein, Nein stöhnt Fatoni müde, dass alles so einfach sein könnte. Aber nein, einfache Antworten auf komplexe Probleme sind eben oftmals keine Antworten.

Andorra-Effekt

Dazu gibt es mal Trap-Beats oder zurückgelehnt groovende Samples, mal ein verjazztes Klavier oder eine im Badezimmer aufgenommene E-Gitarre, wie in Digitales Leben. Benannt ist das Album nach dem gleichnamigen Stück von Max Frisch, in dem der sogenannte Andorra-Effekt beschrieben wird. Dabei verhalten sich Menschen so, wie die Gesellschaft es von ihnen erwartet, im negativen wie im positiven, eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Mit intelligentem Wortwitz und interessantem Storytelling beweist Fatoni auf Andorra einmal mehr, warum er als kluger Kopf im Rap gilt. Da hört man auch der vertonten Midlife-Crisis gerne zu.