Album der Woche: Frank Ocean – Channel Orange

23.07.2012

Frank Ocean ist der neue Stern am Black Music-Himmel. Kritiker verstummen und die Blogs jubeln. Denn Toleranz ist nun auch vollständig im Hip Hop angekommen. So hat Ocean als erster Rapper seine Homosexualität öffentlich gemacht. Sein Debütalbum "Channel Orange" ist auf dem besten Weg das Konsens-Album 2012 zu werden.

Frank Ocean - Channel Orange

Channel Orange

Frank Ocean

(Island, bereits erschienen)

Richtig, Geschmäcker sind verschieden und das Angebot an Subkulturen ist groß und trotzdem hat jedes Jahr sein Album – ein Album, auf das sich alle einigen können und das den Zeitgeist des Jahres zusammenfasst. 2009 war es das Debüt von The xx, 2010 Swim von Caribou und im letzten Jahr das Debüt von James Blake. 2012 könnte das Jahr von Channel Orange sein – das Debütalbum von Frank Ocean.

Frank Ocean ist die Reinkarnation des schmalzigen R’n’Bs, der in den späten Neunzigern die Charts beherrschte. R. Kelly, Ashanti, Aaliyah und Toni Braxton flimmerten damals auf MTV und Viva. Und sie alle prägten den Sound mit der behäbigen, sanften Bassdrum, einer hervorstechenden Snare und den allgegenwärtigen Streichern. Immer dichter ausproduziert und mit sinnfreien Inhalten versehen erreichte der R’n’B mit den Peinlichkeiten um R. Kelly 2008 seinen vorläufigen Tiefpunkt.

2008 war auch das Jahr, in dem für Frank Ocean, damals noch unter bürgerlichem Namen Christopher Breaux, alles begann. Er zog nach Los Angeles, verschickte Demos und bekam einen Deal als Songwriter. Ocean schrieb unter anderem Songs für John Legend, Brandy und Justin Bieb er. Im Kreise der Hipster-Rapper Odd Future veröffentlichte er sein erstes Mixtape Nostalgia Ultra. Kanye West hörte davon und kurz darauf saß Ocean schon mit Beyoncé im Studio, schrieb für sie den Song I Miss You und wertete mit seinem Talent das Album von Jay-Z und Kanye West auf.

Dass Ocean seine Homosexualität, bzw. Bisexualität kurz vor dem Release seines Albums öffentlich machte, hat sich inzwischen mehr als bezahlt gemacht: Er ist damit der erste, bekannte, schwule Hip Hop-Künstler überhaupt und der Hype um sein Album stieg damit natürlich ins Unermessliche. Das Coming-Out des ambitionierten Sängers ist die logische Konsequenz der jungen, liberalen Politik in Amerika der letzten Jahre. Denn wer hätte vor ein paar Jahren, in einer Hip Hop-Welt voller „Bitches“ und dem Begriff „Gay“ als Abwertung, an einen schwulen, schwarzen Rapper gedacht? Ist doch die gesamte Hip Hop-Welt gerade im Umbruch: weg vom Bling Bling, hin zum vorurteilsfreien Mittelstandsrap.

Ocean ist gerade mal 24 und seine Jugend hat Spuren hinterlassen. So ist Channel Orange durchzogen mit Geschichten der ersten, großen Liebe und den Problemen die man als junger Erwachsener mit steigendem Ruhm und Kontostand so hat:

Too many bottles of this wine we can’t pronounce
Too many bowls of that green, no Lucky Charms
The maids come around too much

Parents ain’t around enough
Too many joy rides in daddy’s Jaguar
Too many white lies and white lines
Super rich kids with nothing but loose ends
Super rich kids with nothing but fake friends

Es sind die Maßlosigkeiten und fehlenden Grenzen der Eltern, über die Ocean zusammen mit Earl Sweatshirt in Super Rich Kids singt. Doch am Ende geht es auch einem Super-Rich-Kid wie Frank Ocean nur um eins:

Real love, ain’t that something rare
I’m searching for a real love, talking ‘bout real love

In Bad Religion schüttet Ocean einem Taxi-Fahrer das Herz aus. Er klagt über eine unerwiderte Liebe, die ihm nur Schmerz gebracht hat, in der Metapher der „Schlechten Religion“:

Taxi driver / Be my shrink for the hour
Leave the meter running / It’s rush hour

So take the streets if you wanna
Just outrun the demons, could you
He said „Allahu akbar“, I told him don’t curse me
„bo bo you need prayer“, I guess it couldn’t hurt me
If it brings me to my knees / It’s a bad religion

Die Themen auf Channel Orange sind nicht neu, dreht sich doch mindestens jedes zweite Lied im Hip Hop/R’n‘B um die Liebe oder das Geld. Das Schöne an Frank Ocean ist, dass er alles ein Level höher hebt, sowohl musikalisch als auch textlich. So schafft er Bilder in unseren Köpfen, ohne dabei zu offensichtlich oder offensiv zu klingen – und das so authentisch, wie man es bisher nur von einer Sade oder einer Erykah Badu kannte. Die Szene ist im Umbruch: Der tief verwurzelte Hip-Hopper der ersten Stunde hebt gemeinsam mit dem Großstadt-Hipstern zum Sound von Channel Orange die Arme. Mit Frank Ocean hat die neue Hip Hop-Welle ihr Gesicht gefunden.