Album der Woche: Future Islands – The Far Field

Normale Typen mit echter Leidenschaft

03.04.2017

Fast zehn Jahre ist die Synthiepop-Band Future Islands als Geheimtipp unterwegs gewesen. Dann kam ihr erster Fernsehauftritt in der Late Show mit David Letterman, der sie über Nacht bekannt gemacht hat. Wie der plötzliche Ruhm die Arbeit am neuen Album "The Far Field" beeinflusst hat, haben sie uns im Interview erzählt.

Normale Typen, die leidenschaftliche Songs spielen: Future Islands. Foto: Tom Hines

Future Islands - The Far Field

The Far Field

Future Islands

(4AD, bereits erschienen)

Future Islands-Sänger Sam Herring tanzt hin und her, geht in die Knie, schlägt sich mit der Faust auf die Brust, unterstreicht jedes gesungene Wort mit einer dramatischen Geste. Am Ende applaudiert nicht nur das Publikum lautstark, auch Late-Show-Moderator David Letterman schüttelt den Musikern begeistert die Hände. Über 1,5 Millionen Menschen haben diesen ersten Fernsehauftritt von Future Islands bei YouTube schon angeschaut. Auch drei Jahre später werde das Video noch geteilt und bringe ihnen neue Fans, erzählt Sam Herring. Aber unter Druck setzen lassen sie sich vom neu gewonnenen Ruhm nicht, sagt er.

In unserer Situation würden sich manche Bands vielleicht fragen: Was müssen wir tun, um die Aufmerksamkeit der Leute zu behalten? Aber wir haben die Aufmerksamkeit ja gewonnen, indem wir einfach das gemacht haben, was wir sowieso die ganze Zeit tun: ehrliche Songs schreiben und Konzerte spielen. Warum sollten wir das jetzt ändern? Das wichtigste ist, dass man sich den sogenannten Erfolg nicht zu Kopf steigen lässt. Wir sind immer noch bescheiden und haben nicht vergessen, wie wir vor vielen Jahren angefangen haben, Musik zu machen, nämlich zu dritt in einem unserer Wohnzimmer.

„Wir sind eine hart arbeitende Band“

Future Islands sind neben Sänger Sam Herring auch Keyboarder Gerrit Welmers und Bassist William Cashion. Die drei haben sich an der Uni in Greenville, North Carolina kennengelernt und dort ihre erste Band gegründet. Seit 2006 treten sie unter dem Namen Future Islands auf und seit 2008 leben sie in Baltimore – nicht gerade die angesagte, glamouröse Musikstadt. Aber das passt gut zu einer Band, die mittlerweile über 1.000 Konzerte gespielt und deren Sänger sich bei jedem einzelnen das Herz aus dem Leib performt hat.

Was wir machen, ist nicht unbedingt neu. Ich bewundere Sänger wie James Brown oder Ian Curtis, die bei Konzerten immer völlig aus sich rausgegangen sind. So wollen wir auch gerne gesehen werden, als hart arbeitende Band, denn genau das sind wir. Unsere Auftritte sind nicht glamourös oder hip. Wir sind einfach ganz normale Typen, die leidenschaftliche Songs leidenschaftlich spielen.

Leidenschaftliche Songs mit entwaffnend ehrlichen Texten findet man auch auf dem neuen Album The Far Field. Flirrende Synthesizer, ein unbeirrt groovender Bass und das punktgenaue Schlagzeug untermalen Herrings mal jauchzenden, mal knödelnden Gesang, der sich innerhalb von Sekunden vom kaum hörbaren Flüstern zum dämonischen Schreien aufbäumen kann.

Geschrieben haben Future Islands ihre neuen Songs in einem Strandhaus an der Küste North Carolinas und in ihrem Proberaum in Baltimore. Vor ihrem Durchbruch haben sie neue Songs immer erst ausgiebig live getestet, bevor sie ins Studio gegangen sind. Da das so nun nicht mehr möglich ist, mussten sie sich anders behelfen.

Wir haben ein paar Geheimshows unter falschem Namen gespielt, weil wir wissen, wie wichtig das Feedback der Leute ist. Die Songs bekommen live eine ganz andere Dynamik, das geht im Studio nicht. Natürlich mögen wir unser Album. Aber wir wissen auch, dass die Songs in vier oder fünf Monaten nochmal besser sein werden, wenn wir sie dutzende Male live gespielt haben. Das Publikum und seine Energie ist ein wichtiger Teil unserer Musik.

Wälder, Flüsse und Höhlen

Ein wichtiger Teil in den Songtexten ist die Natur: Sam Herring besingt Wälder, Flüsse und Höhlen. Kein Wunder, er ist in einer Kleinstadt am Meer aufgewachsen und hat viel Zeit draußen verbracht.

Ich möchte wieder über die Welt staunen als wäre ich ein Kind. Damals war Natur alles für mich und das beeinflusst meine Arbeit heute noch. Ich versuche immer, mich allgemein verständlich auszudrücken, auch wenn es um etwas sehr persönliches geht. So erreicht man einfach mehr Leute. Wenn ich von Sonne und Mond singe, wissen alle, was gemeint ist. Wir können sie zwar sehen, aber nicht berühren, das finde ich sehr poetisch.

Die Songs auf The Far Field sind opulent arrangiert, ohne dabei Ecken und Kanten einzubüßen. Mag der Synthiepopsound von Future Islands auch ein wenig aus der Zeit gefallen klingen, die Leidenschaft ist echt.