Album der Woche: Glass Animals – Zaba

Alle Regeln über Bord

02.06.2014

Eigentlich hatten Dave Bayley und drei seiner besten Freunde nur ihren Uni-Abschluss auf dem Schirm, aber dann kam ihnen die Musik dazwischen. Unter dem Namen Glass Animals machen die Briten nun herrlich verspielten Experimental-Pop.

Glass Animals haben sich von britischen Abenteuerromanen inspirieren lassen. Foto: PR

Für Glass Animals ging es beim Musikmachen schon immer vor allem um eins: Sich in eine andere Welt transportieren lassen, das Hier und Jetzt einfach mal vergessen. Kein Wunder, dass Dave Bayley mit dem Songschreiben zuerst angefangen hat, als er Ablenkung vom Studienstress brauchte. Ein guter Uni-Abschluss ist mittlerweile auf der Prioritätenliste ein ganzes Stück nach unten gerutscht, denn im Moment entwickelt sich die Band zum Vollzeitjob. Die Hauptinspiration dabei ist nach wie vor, sich und anderen eine kleine Fluchtmöglichkeit aus dem Alltag zu bauen.

Es ist uns wichtig, mit jedem Song eine eigene kleine Welt zu schaffen. Wenn du dich auf den Song einlässt, zieht er dich in seine Atmosphäre rein. Wir denken immer darüber nach, wie man es schafft, jemanden vergessen zu lassen, dass er im Bus sitzt und Musik auf dem ipod hört. Das ist das Großartige an Musik oder jeder Art von Kunst – sie transportiert dich aus deinem Alltag an einen anderen Ort.

Abenteuerromane und Kinderbücher

Die Vier von Glass Animals sind große Bücherfreunde und haben sich inhaltlich und auch für die Struktur ihres Debütalbums literarisch inspirieren lassen, von den großen britischen Abenteuerromanen wie Joseph Conrads „Heart of Darkness“, aber auch von Kinderbüchern wie „The Zabajaba Jungle“, auf das auch der Albumtitel „Zaba“ anspielt. Jeder Song sollte ein Kapitel darstellen, erzählt Schlagzeuger Joe Seaward – ein in sich geschlossenes Teilstück innerhalb des großen Ganzen. Das beste Vorbild für diese Art des musikalischen Erzählens, darin herrscht Einigkeit bei Joe und Dave, sind und bleiben Pink Floyd.

“Dark Side of the Moon” ist ein perfektes Beispiel dafür: Zu Beginn kommst du dir vor, als betrittst du ein Haus durch die Vordertür und jeder Raum, in den du kommst, ist anders – die Tapete, die Möbel, die Stimmung. Es könnten aber genauso gut verschiedene Welten sein, ein Dschungel, eine Unterwasserwelt, der Weltraum. Sie sind zwar alle miteinander verbunden, aber total unterschiedlich. Wenn du am Ende aus der Hintertür wieder rauskommst, denkst du, wow, was war das denn grade?

Tatsächlich klingen die Songs auf Zaba mal exotisch, mal verspielt, mal sphärisch-düster. Die vielen kleinen Klangexperimente fordern unwillkürlich zum Miträtseln heraus, womit genau Glass Animals wohl den jeweiligen Sound erzeugt haben können. Die Lösung ist an den meisten Stellen recht simpel, sagt Dave Bayley. Das Geheimnis liege weniger in den Instrumenten, sondern eher darin, dass sie sich bei den Effekten nur schwer zurückhalten können.

Das Meiste sind ganz klassische Instrumente, die wir nur bis zur Unkenntlichkeit mit Effekten überlagert haben. Also eigentlich nur Gitarren, Klavier, Gesang und ein bisschen Synthesizer. Eine ganze Menge der speziellen Sounds habe ich einfach nur gesummt und dann bearbeitet.

Alle Regeln über Bord

Das Debüt von Glass Animals ist also vor allem ein Experiment – und gleichzeitig der Beweis, dass es nicht unbedingt eine klassische Ausbildung braucht, um Musik zu machen. Innerhalb der Band treffen da auch ganz unterschiedliche Vorerfahrungen aufeinander. Joe zum Beispiel, der unter anderem Schlagzeug-Unterricht hatte und auf der anderen Seite Dave, der als DJ zwar immer viel Musik gehört, aber eben nicht unbedingt selbst gespielt hat. Dass er jemals in einer Band singen würde, findet er bis heute schwer zu glauben. Dafür ist Joe einer seiner größten Fans. Dass Dave ganz ohne Vorurteil ans Songschreiben herangeht, bringt Glass Animals musikalisch eher voran, meint Joe.

Was ich Daves Art, Songs zu schreiben besonders mag, ist, dass er nicht durch Musikunterricht verdorben wurde. Wenn du Musikmachen „lernst“, lernst du auch Regeln. Wie ein Stück strukturiert sein sollte, was aufeinander folgt und was nicht. Wenn man das alles nie beigebracht bekommen hat, hat man einen viel weiteren Horizont und mehr Möglichkeiten.

Mit dem ersten Album gleich alle Regeln über Bord zu werfen, ist ganz schön mutig. Für Glass Animals wäre jede andere Arbeitsweise zu langweilig gewesen. Die „Alte Welt“ interessiert sie nicht – sie wollen eine neue für sich erschließen, auch in ihren Songs. Zu viel Entdeckergeist könne aber auch Nachteile haben, gibt Joe Seaward zu – unter anderem, weil es dann schwerfällt, Deadlines einzuhalten. Irgendwann muss aber schließlich auch die experimentierfreudigste Band ihr Album einfach nur noch fertig kriegen. Aber auch, wenn Glass Animals das Gefühl haben, sie hätten an der einen oder anderen Stelle gern noch weiter gebastelt: Auf ihr erstes Album sind Dave und Joe einfach nur stolz.

Klar hätten wir noch länger daran sitzen können und hier und da noch etwas polieren, dazu nehmen oder auch weggelassen. Aber irgendwann kommt der Moment, wo die Platte fertig sein muss. Und letztlich sind es doch die kleinen Fehler, Dinge, die eben nicht ganz perfekt sind, die etwas erst interessant machen.