Album der Woche: Hot Chip – In Our Heads

11.06.2012

Hot Chip gelten zu Recht als eine der innovativsten Indie-Bands der vergangenen Jahre. Die fünf Musiker aus London kombinieren House-Beats mit butterweichem Gesang und immer neuen Sound-Experimenten. Dabei sind schon so einige Hits rumgekommen. Jetzt haben Hot Chip ihr fünftes Album rausgebracht: „In Our Heads“.

Hot Chip können mit “In Our Heads” ihr konstant hohes Level halten (Foto: Promo).

Schon der Anfang des neuen Hot-Chip-Albums ist ein Statement: Achtung, alle mal herhören, hier kommt was ganz Großes. Der Song Motion Sickness ist ein perfekter Opener, Hot Chip wissen noch, wie man die Leute auf die Tanzfläche bekommt.

Für den Hot-Chip-Mastermind Alexis Taylor ist dieser Sound eine Verbeugung vor den berühmten aufgeblasenen 60er-Jahre-Produktionen von Phil Spector.

„Motion Sickness“ zeichnet eine Art Prunk und Pomp aus, die sich in den folgenden Stücken in dieser Form wahrscheinlich nicht wiederfindet. Der Track ist also schon was Besonderes – eine Anomalie sozusagen. Er klingt teuer und aufgeblasen wie die 60er Jahre Produktionen von Phil Spector, bloß mit mehr elektronischen Spielereien. Mit diesem Stück das Album zu eröffnen, ist also fast schon irreführend, weil der Hörer natürlich erwartet, dass die Platte in diesem Stil weitergeht.

Hot Chip galten jahrelang als Paradebeispiel einer Nerd-Band, sie trugen knallbunte Kinder-T-Shirts und Helmut-Kohl-Brillen. Mittlerweile hat sich ihr Status geändert: Spätestens mit ihrem vorigen Album vor zwei Jahren sind sie von durchgeknallten Hipstern zu Pop-Helden aufgestiegen. Die Erwartungen an das neue Album waren also groß.

Hot Chip erfüllen die Erwartungen. Auf In Our Heads klingen sie vielleicht etwas erwachsener. Neu erfunden haben sie sich aber nicht – ganz bewusst nicht, meint Alexis Taylor.

Zu Beginn unserer Karriere hatte ich eigentlich schon vor, jede unserer kommenden Platten anders klingen zu lassen, weil ich wusste, dass wir alle sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse haben. Es wäre also kein Problem für uns gewesen, so wie manch anderer Künstler, auf jedem Album etwas komplett Neues zu versuchen. Aber dann wiederum mag ich an Hot Chip gerade die Tatsache, dass wir eben nicht solche Pläne schmieden und uns eben nicht vornehmen, auf der nächsten Platte ausschließlich einen anderen, neuen Stil auszuprobieren.

Die Bandmitglieder haben sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse. Es wäre also kein Problem, jede neue Platte völlig anders klingen zu lassen – das schwebte Alexis Taylor früher auch als Ideal vor. Mittlerweile gefällt es ihm aber, dass der Hot-Chip-Sound ganz von selbst entsteht – ohne dass die Band sich gezielt verschiedene Stile vornimmt.

Es ist erstaunlich, dass Hot Chip überhaupt schon wieder ein Album fertig haben. Denn die Jungs waren zuletzt auch anderweitig viel beschäftigt: Al Doyle und Felix Martin mit der Band New Build, Joe Goddard mit The Two Bears, Alexis Taylor gleich mit mehreren Projekten. Das Mutterschiff Hot Chip hat aber keiner von ihnen in Frage gestellt. Vielmehr profitiert die Band von solchen Nebenprojekten, findet Gitarrist Owen Clarke.

Das hält Hot Chip frisch und gesund. Wenn du dann erneut zusammenkommst, erscheint dir die gemeinsame Arbeit wieder als Spielwiese, wo du all diese Sachen einbringen kannst, die du in der Zwischenzeit ausprobiert hast – egal ob du als DJ gearbeitet hast, Rockplatten produziert oder dich an improvisierter Musik versucht hast. Es ist quasi ein permanentes Wechselspiel. Wir sind auf diese Weise jetzt bei unserem fünften Album angelangt, während viele andere Bands wesentlich früher auseinanderbrechen.

Alexis Taylor ist auch ein gefragter DJ auf Promi-Parties. Einmal hat er bei einer fürchterlichen Veranstaltung mit der britischen Prinzessinnen-Schwester Pippa Middleton aufgelegt. Ständig kamen piekfeine Typen an und wollten ihm vorschreiben, welche Musik er spielen solle.

An diesem Punkt habe ich die Plattenspieler umgeschmissen, eine Wiley-Platte durch den Raum geschleudert und damit fast jemanden enthauptet. Später ist mir klargeworden: Es wäre in solchen Momenten viel besser, den Leuten mit einem passenden Song klarzumachen: Man braucht keinen DJ zu buchen, wenn man ihm dann hinterher ständig vorschreiben will, was er zu spielen habe.

So kam Alexis Taylor auf die Idee zu Night & Day. Darin heißt es: „Ich habe keine Abba-Platten! Ich spiele kein Gabba! Ich mag die Musik der Band Zapp und nicht von Frank Zappa – also hör bitte mit deinem Gelaber auf“.

Auf In Our Heads präsentieren sich Hot Chip so, wie man sie kennt und schätzt: Die Produktionen sind erste Sahne, die Melodien eingängig, viele der Songs tanzbar, aber nie platt. Einzelne Hits stechen diesmal nicht heraus. Dafür entdeckt man beim mehrmaligen Hören der Musik immer wieder neue Schichten. Das Album ist genauso gut wie seine Vorgänger. Und das hinzukriegen, war schwierig genug.