Album der Woche: Imarhan – Imarhan

Der neue Wüsten-Blues

02.05.2016

England, USA, Schweden - dass aus diesen Ländern gute Musik kommt, ist bekannt. Heute ergänzen wir die Liste um ein weiteres Land: Algerien. Von dort kommen Imarhan, die den traditionellen Tuareg-Blues in ein modernes Gewand packen.

Imarhan kommen aus Tamanrasset in Algerien. Foto: Jo Bongard.

Imarhan - Imarhan

Imarhan

Imarhan

(Cityslang, bereits erschienen)

Iyad Moussa Ben Abderahmane alias Sadam ist lässig gekleidet. Mit Jeans, Turnschuhen und Kapuzensweatshirt. Der Imarhan-Frontmann entspricht auf den ersten Blick nicht unbedingt dem, was man sich gemeinhin unter einem Tuareg vorstellt. Keine traditionelle Kleidung oder Kopfbedeckung, und auch die Musik seiner Band Imarhan klingt urban und modern. Und das ist auch so beabsichtigt, erzählt Sadam in seiner gleichzeitig selbstbewussten und zurückhaltenden Art.

Wir sind die neue Generation in der Tuareg-Musik. Unser Ziel ist es, etwas Neues zu erschaffen. Das ist zwar manchmal schwierig, aber es macht auch großen Spaß. Wir wollen anders sein.

Respektvoll anders sein

Imarhan wollen sich abgrenzen, vor allem von den großen Superstars Tinariwen. Die haben in Europa und den USA den sogenannten Tuareg-Blues bekannt gemacht. Tinariwen-Bassist Eyadou Ag Lech ist Sadams Cousin. Er hat ihr Album produziert und stand ihnen auch beim Songschreiben mit Rat und Tat zur Seite. Und natürlich sind die Mitglieder von Imarhan mit der Musik von Tinariwen aufgewachsen.

Mein Cousin und Tinariwen sind für uns sehr wichtig, sie haben uns geholfen und wir mögen ihre Musik. Aber wir hören auch andere Sachen, vor allem im Internet. Wir nehmen die Essenz von dem, was wir mögen und benutzen das für unsere eigenen Songs, kreieren damit unsern eigenen Sound.

In ihren Songs verbinden Imarhan trockene Gitarrenriffs, einen unwiderstehlich groovenden Bass, afrikanische Rhythmen und Pop-Melodien. Die Stimmung der Songs ist ausgelassen bis nachdenklich und man kann wunderbar dazu tagträumen.

Imarhan kommen aus Tamanrasset, einer Stadt im Süden Algeriens. Die fünf Bandmitglieder kennen sich seit ihrer Kindheit und machen seit zehn Jahren gemeinsam Musik. Als Musiker hat man in Tamanrasset mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen.

Es gibt dort keine speziellen Musikclubs oder Orte, wo man auftreten kann. Außerdem ist es schwierig, an Equipment ranzukommen. Wir spielen dort viel auf Familienfeiern und privaten Parties. Als Künstler braucht man ein Publikum, das ist extrem wichtig. Und das findet man, obwohl es keine Clubs gibt.

Tamanrasset ist so etwas wie das Zentrum der Tuareg-Region, die sich über Algerien, Mali, Niger und Libyen erstreckt. Nach Tamanrasset hat es viele Tuareg aus dem Norden Malis verschlagen. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1960 ist es dort immer wieder zu Aufständen gegen die Staatsregierung gekommen. Die Benachteiligung der Tuareg und die Strapazen des Exils werden in den Songs von Tinariwen häufig thematisiert. Bei Imarhan ist die Botschaft eine andere.

Wir sprechen nicht über Politik in unseren Songs. Es gibt viele Themen wie Liebe, die Wüste oder auch gesellschaftliche Probleme. Aber nicht nur solche, die sich auf die Tuareg beziehen, sondern die junge Leute überall betreffen.

Die Wüste als Inspiration

Weite Sandflächen, ein endloser blauer Himmel und urzeitlich aussehende Gesteinsformationen, die Wüste rundum Tamanrasset spielt in den Songs und Videos von Imarhan ein große Rolle.

Die Wüste ist eine wichtige Inspirationsquelle für uns. Die Stille und der weite Raum, man kann sich dorthin zurückziehen. Für einen Künstler ist es wichtig, einen ruhigen Ort zu haben und diese Freiheit dort zu spüren.

Imarhan vermeiden Ethno-Klischees und überraschen mit ihrem frischen Mix aus Tradition und modernen Elementen. Wir sagen: England kann einpacken, der heiße Scheiß kommt aus Algerien.