Album der Woche: PeterLicht – Das Ende der Beschwerde

01.11.2011

2006 besang er das Ende des Kapitalismus und hat sich im Rückblick damit eine Art Prophetenstatus erschaffen. Auf seinem neuen Album ruft er nun das „Ende der Beschwerde“ aus – Zeitgefühl oder Wunschdenken? Wir haben mit PeterLicht darüber gesprochen.

“Der Schwarm und der Einzelne” - Identität ist PeterLichts Lieblingsthema, auch in den Fotos. (Foto: Christian Knieps / Motor)

PeterLicht - Das Ende der Beschwerde

Das Ende der Beschwerde

PeterLicht

(Motor, bereits erschienen)

PeterLicht beschert uns zwölf neue Lieder, die nach Antworten auf die ganz großen Lebensfragen suchen – und dabei durchaus radikale Gegenentwürfe aufstellen. Seine Anti-Philosophie verpackt PeterLicht nicht nur in Popmusik von der eingängigsten Sorte, sondern auch in verführerisch einprägsame Slogans: „Gib mir eine neue Idee“, heißt es in einem der Lieder, „schaffen wir uns ab“. Klingt fast nihilistisch, hat für PeterLicht aber durchaus positive Aspekte.

Das Bild von der Abschaffung – das ist wie der Mond. Der hat eine helle und eine schwarze Seite. Einmal hat es so eine helle Seite, dass es tatsächlich die Abschaffung ist, allerhand Abschaffungsphänomene beobachten, an sich selber – und es hat aber auch was befreiendes, diese Vorstellung vom Ich abzuschaffen. Da steckt beides drin: So was ganz befreiendes, die alte Struktur abzuschaffen, wie einen Kokon. Und dann hat es aber auch was von der gänzlichen Abschaffung, wie bei einem Schmetterling. Da ist es ja auch so, dass diese Puppe final abgeschafft wird und dann kommt da was Neues bei raus.

Die Befreiung von Strukturen oder äußeren Zwängen, die uns belasten und einschränken, ist eines der großen Themen, die PeterLicht beschäftigen und auch auf dieser Platte immer wieder auftauchen. Es sind im Grunde wohl die gleichen Fragen und Zweifel, die der Mann offenbar schon seit einigen Jahren mit sich herumträgt – wie passt man als Mensch in die Welt, in der wir leben? Wie verhalten wir uns zu dem, was man „Gesellschaft“ nennt?

Man bekommt beim Hören unweigerlich den Eindruck, dass PeterLicht von einer gewissen Zwiespältigkeit geplagt ist gegenüber dem „Schwarm“ oder der „Herde“ – er betont allerdings, dass Menschen, selbst wenn sie in Massen auftreten, ihm nicht völlig suspekt sind:

Auf der anderen Seite bin ich natürlich auch ein großer Freund des Menschen, ich bin ja selber einer. Ich finde es ein sehr interessantes Thema, der Schwarm und der Einzelne, Ich und die anderen und alle anderen und Ich und das dann auf jeden Einzelnen zu übertragen. Das ist ein großes Feld. Damit befasse ich mich schon ganz lange. Und davon handeln dann eben solche Texte.

In seinen Texten verwendet PeterLicht mit Vorliebe Worte, die eigentlich vergleichsweise wenig lyrisches Potential haben – er singt vom „Dispo der totalen Liebe“ oder vom „Immobilienhimmel“ und reiht Begriffe wie „Infrastruktur“, „Steuerberater“ und „Kundenprofil“ in seinen Liedern aneinander, wo sie überraschenderweise eine ganz eigene Poesie entwickeln.

Selbst staubtrockene Beamtenbegriffe wie die „Altersvorsorgeaufwendungen“ lassen sich nach Ansicht von PeterLicht sehr gut in Songtexten verarbeiten. Immerhin sind es ja auch alles Worte und letztlich Konzepte, die nun mal den modernen Alltag bestimmen – warum also nicht davon singen?

Ich finde das sehr reizvoll. Ich bin auch ganz froh bei dem Lied mit dem iPhone einfach dieses Wort „Altersvorsorgeaufwendungen“ zu singen, das macht mir sehr viel Freude – weil das natürlich so ein extremer Beamtenbegriff ist, der total staubtrocken ist. Und die Diskrepanz dazwischen, wie dieses Wort anmutet und dem, was tatsächlich passiert wenn dieser Begriff seine Durchschlagskraft oder seine Wucht entfaltet, das ist ja immens. Das ist sehr emotional, sehr angstbesetzt: Wie wird die Zukunft aussehen, bricht alles zusammen? Solche Dinge stecken in diesem Begriff drin.


Bei der Arbeit am neuen Album hat PeterLicht auch ein wenig den Beamten in sich selbst entdeckt: In gewisser Weise stecke eine Sammel- und Ordnungswut in ihm, die er in seinen Texten versucht zu zähmen und zu sortieren. Die Ideen dafür hält er in Notizbüchern oder Aktenordnern fest.

Ich hab mir tatsächlich für die jetzige Platte einen richtigen alten Leitzordner genommen und hab da die ganzen Schnipsel reingeklebt oder reingeheftet. Wie so ein Beamter, der auf seinem Amt sitzt und einen Leitzordner hat und da diese Metalldinger aufklackt, ein Blatt locht und das Wort reinheftet – wie auf einem Gemeindeamt, so ein Katasteramt.

Als Tragfläche und Transportmittel für seine Wortketten dient PeterLicht auch auf dem neuen Album eine unbekümmerte, leicht synthetisch anmutende Popmusik. Genau die passende Soundästhetik, meint er – denn wenn man schon Pop-Produkte wie das iPhone besingt, müsse es schließlich auch klanglich Pop sein. Eine musikalische Symbiose, die er in dem schon erwähnten Lied mit dem iphone (Begrabt Mein iPhone® An Der Biegung Des Flusses) zur Perfektion bringt.

Eine „Problemlöseplatte“ bietet PeterLicht laut Waschzettel der Plattenfirma mit Das Ende der Beschwerde an – allerdings verspricht er keinen schematischen Lösungsbaukasten, sondern stellt eher eine Reihe von Gegenentwürfen in den Raum. Das Leben könnte auch anders funktionieren, das jedenfalls scheint die Hauptthese dieses Albums zu sein. Man beachte den Konjunktiv – denn Problemlösung à la PeterLicht bedeutet nicht unbedingt, eindeutige Antworten zu geben, sondern stattdessen die Frage neu zu formulieren. Und eine der Fragen, die immer wieder in vielen Varianten auftaucht, ist: „Bin ich eigentlich richtig da, wo ich gerade bin?“ Für PeterLicht ist die Antwort , zumindest für den Moment, ganz klar – und dann irgendwie auch wieder nicht:

Ich bin absolut genau richtig – an der Stelle, wo ich mir diese Frage stelle. Diese Platte handelt genau von der Lücke, die diese Frage aufreißt. Ich kann die Frage auch nicht mit Ja oder Nein beantworten. Man ist immer richtig, da wo man gerade ist. Es gibt ja nicht zwei Leben, die ich führe – das eine Leben, da ist man an der Stelle und in einem anderen Leben, das parallel tatsächlich stattfindet, ist man an einer anderen Stelle, sondern man ist an der Stelle, wo man ist – und deshalb ist das auch die richtige Stelle.