Album der Woche: Rox – Memoirs

07.06.2010

Selten war ein künstlerischer Werdegang so vorhersehbar wie jener der Soul-Sängerin Rox. Nachdem Ende letzten Jahres die erste Version ihrer eingängigen Mitschnipp-Nummer „My Baby Left Me“ auftauchte war im Prinzip schon klar: Wenn alles nach Plan läuft, wird Rox das nächste große Ding. Nun ist ihr Debütalbum „Memoirs“ erschienen und wie sollte es anders sein: Es unterstreicht endgültig Rox‘ Anspruch auf den Soul-Thron.

Sind wir doch mal ehrlich: Nach The Miseducation Of Lauryn Hill im Jahr 1998 kam erst mal lange Zeit nichts. Was also ist passiert, auf der Soul-Landkarte? Zunächst einmal haben sich die Koordinaten ein bisschen in Richtung Großbritannien verschoben und uns Namen wie Duffy, Adele oder Amy Winehouse beschert. So richtig kamen die aber nie an die Kredibilität einer Lauryn Hill heran. Sie machten ihre schnelle Runde durch die Charts und man war sich ziemlich sicher: Schon bald würde man von einem dieser kurzlebigen Trends sprechen. Nun aber kommt Rox mit ihrem Debütalbum Memoirs und macht damit vor allem eines ganz klar: Sie will bleiben.


Fast unfreiwillig fand die Halb-Iranerin-Halb-Jamaikanerin zur Musik. Mit einem Pfarrer als Großvater stand der wöchentliche Kirchgang auf dem Pflichtprogramm. Im Kirchenchor trällerte die junge Rox ihre ersten Gospels und der Chorleiter sah in ihr das große Talent, zitierte sie nach den Proben ans Klavier. Während sich ihre Freunde trafen, musste Rox Tonleitern pauken.

An dem Punkt wo „normale“ Jugendliche rebellieren, fand Rox ihre Liebe zu den Harmonien und ihre von Selbstdisziplin geprägte Arbeitsmoral. Die strikte Musikerziehung der Kirche weiß die 21-jährige heute zu schätzen. Man muss sich Rox als fleißige Biene vorstellen, die ihr Leben seit klein auf dem ehrgeizigen Ziel einer erfolgreichen Musikerkarriere unterordnet. Mit einer Jazzband spielte die Londonerin 2007 erste eigene Konzerte, die sie komplett in Eigenregie organisierte. So wurde dann auch die Musikindustrie aufmerksam. Überraschenderweise unterschrieb Rox jedoch nicht das üppige Angebot des Major-Riesen EMI, sondern kam bei den Idealisten von Rough Trade unter, wo man sich um nur wenige Künstler kümmert, dafür aber richtig.

Das Label passt zur Künstlerin: Rox ist mehr Mensch als Kunstfigur, ihr Soulpop hat Herz. Ihr Debütalbum ist eine Kreuzfahrt auf dem alten Dampfer Liebe. Drei Stationen werden angefahren: Zuerst wird jemandem Lebewohl gesagt, dann wird der Liebeskummer hereingebeten und zuletzt geht es um den Kampf, endlich wieder einen Fuß in die Tür der Liebe zu stellen. Bei Rox wird die Beziehungskrise mit der Hüfte getreten: „My Baby left me sad, he didn’t do nothing right“ heißt es da, während die Band einen gutgelaunten Uptempo-Radiosong spielt – das ist Soul in seiner wörtlichen Entsprechung. In gemäßigteren Folk-Balladen wie Heart Ran Dry ist dann auch Platz für Trauer und vor allem für Rox‘ Stimme, der man gar nicht abnehmen will, dass die erst zarte 21 ist.

Rox wird über kurz oder lang in den Charts landen, ohne Frage. An Selbstbewusstsein mangelt es ihr jedenfalls nicht. „Alles außer Top Ten wäre eine Enttäuschung“, sagt sie selbst. Man mag es ihr gönnen, denn mit Rox gibt es endlich wieder eine Sängerin, die den Soul kredibel macht. In Hipster-Kreisen kursiert schon das Unwort „Neo-Soul“. Und es wäre kaum verwunderlich, wenn sich demnächst auch die Indie-Kids dabei erwischen, wie sie zu I Don’t Believe mit dem Finger schnippen.