Album der Woche: The xx – I See You

Ein Freund, ein guter Freund

16.01.2017

Auf Konzerten von The xx ist es bisher des Öfteren vorgekommen, dass man eine Nadel zu Boden fallen hören konnte. So still und andächtig hat das Publikum dem leisen Wave-Pop des Trios gelauscht. Das könnte sich mit „I See You“ ändern, denn darauf machen The xx – Achtung! – Musik zum Tanzen.

Ohne Freundschaft keine Band: The xx. Foto: Laura Coulson

The xx - I See You

I See You

The xx

(Young Turks, bereits erschienen)

Wenn man I See You das dritte Album von The xx zum ersten Mal hört, könnte man sich fast erschrecken: eine Trompetenfanfare gefolgt von einem hüpfend dahinjagenden Groove. Nanu? Tanzmusik hätte wohl niemand von dem Trio aus London erwartet, das für seine leisen, minimalistischen Popsongs bekannt ist und geschätzt wird. Sich von solchen Erwartungen freizumachen, war eines der Ziele, das The xx mit ihrem dritten Album verfolgt haben, erzählt Oliver Sim.

Uns war von Anfang an klar, dass wir unsere Arbeitsweise ändern wollten. Beim letzten Album „Coexist“ hatten wir uns sehr stark abgeschottet, waren ständig nur zu dritt. Wir wollten uns dieses Mal stärker öffnen, andere Menschen in die Entstehung der Platte einbeziehen. Wir haben den Leuten unsere Demos vorgespielt, auch wenn sie noch nicht perfekt waren. Und wir wollten uns nicht in Gedanken verstricken wie: „Wie klingen The xx? Was ist typisch für The xx? Können wir dieses Sample verwenden? Oder würden The xx das nicht tun?“ Es hat uns viel Spaß gemacht, diese Gedanken hinter uns zu lassen. So haben sich viele neue Möglichkeiten ergeben.

The xx verlässt die Wohlfühlzone

Aufgenommen haben The xx die neuen Songs an so unterschiedlichen Orten wie Los Angeles, der Kleinstadt Marfa in Texas und Reykjavik – hauptsache weit weg vom heimatlichen London. Der Wunsch, die Band-Wohlfühlzone zu verlassen, kam auch daher, dass alle drei in den letzten Jahren erwachsener und selbstbewusster geworden sind, sagt Oliver Sim. Sängerin Romy Madley-Croft hat einen Songwriting-Kurs absolviert und Jamie xx hat mit seinem Soloalbum auf der ganze Welt gespielt. Diese Zeit hat ihnen auch nochmal vor Augen geführt, wie wichtig die gegenseitige Freundschaft für die Band ist, erzählt Jamie xx.

Freundschaft ist ein entscheidender Faktor. In den letzten Jahren, in denen das Album entstanden ist und wir öfter lange von einander getrennt waren und uns vermisst haben, wurde uns immer bewusster, wie wichtig unsere Freundschaft ist. Ohne Freundschaft würde das alles nicht klappen. Deshalb funktioniert die Band auch so gut. Durch die Distanz und die schwierigeren Momente, in denen wir das Gefühl hatten, wir würden uns voneinander entfernen, haben wir alles daran gesetzt, wieder enger zusammenzurücken. Und jetzt sind wir uns näher als je zuvor.

Eisige Synthies, Streicherarrangements und ein Chor-Sample – nach dem in sich gekehrten Sound ihrer ersten beiden Alben haben sich The xx anderen musikalischen Einflüssen geöffnet. Drummer, Produzent und DJ Jamie xx dürfte daran einen beträchtlichen Anteil gehabt haben, denn schon auf seinem 2015er-Soloalbum In Colours hatte er vielschichtige Texturen von Soul über Hip-Hop und Housemusic angehäuft. Für ihn war die Arbeit daran eine Voraussetzung dafür, dass er sich wieder ganz auf seine Band einlassen konnte, erzählt er.

Jeder von uns hat zu gleichen Teilen etwas dazu beigetragen, wie wir heute klingen. Mein Solo-Album war Teil dieser Entwicklung. Ich musste all die Musik, die ich in den vergangenen Jahren produziert hatte, einfach rausbringen. Sonst wäre ich wahrscheinlich nicht in der Lage gewesen, mich voll und ganz dem neuen The xx Album zu widmen.

Grundstimmung: Melancholie

Auch Oliver Sim und Romy Madley-Croft gehen in den Songs mehr aus sich heraus. Ihr zwischen Hoffnung und Verzweiflung wandernder Gesang klingt selbstsicherer und weniger verhuscht.

Trotz des volleren Sounds und der Hinwendung zum Dancefloor, die Grundstimmung der Songs bei The xx bleibt auch auf I See You melancholisch. Die fröhliche Musik wirkt dabei mitunter wie ein Verstärker der schmerzlichen Texte. Dieser Effekt ist zwar keine Erfindung von The xx, aber er funktioniert immer noch. Also, jemand Lust auf ein Tänzchen?