Bill Fay: Der verlorene Sohn kehrt heim.

21.09.2012

Die Musikpresse freut sich über neue Künstler, denn schließlich ist es langweilig immer über dieselben Bands zu sprechen. Beim nachfolgenden Künstler namens Bill Fay liegt die Sache etwas anders. Bill Fay ist schon 69 Jahre alt und hat gerade sein viertes Album rausgebracht. Wir erklären warum man ihn trotzdem als Newcomer bezeichnen kann.

Bill Fay hat 30 Jahre lang kein Studio von innen gesehen. (Foto: Steve Gullick)


Bill Fay ist ein Singer/Songwriter aus London. Gerade hat er sein neues Album Life Is People auf Dead Oceans rausgebracht, dem Folk-Label das auch Bowerbirds und Tallest Man On Earth unter Vertrag hat. Es ist sein viertes Studio-Album. So weit, so unspektakulär. Spektakulärer ist eher der Fakt, dass sein neues Werk Life Is People, sein erstes Album seit 30 Jahren ist. 1967 erschien seine erste Single, zwei Jahre später sein erstes Album. Es kam auf dem damals sehr renommierten Label Decca raus. Dort veröffentlichten damals auch die Rolling Stones. Doch im Gegensatz zu Mick Jagger und Co verkauften sich die Platten von Bill Fay schlecht. Nach zwei Alben verlor er seinen Plattenvertrag. Seitdem verschwand Bill Fay von der Bildfläche, kehrte dem Musikbusiness komplett den Rücken, schrieb aber weiterhin Songs – für sich.

Im Wohnzimmer des kleinen Joshua liefen immer zwei Platten. Sein Vater hörte sie rauf und runter, damals in den Achtzigern. Heute, 30 Jahre später, ist Joshua Henry Musikproduzent in L.A. und erinnert sich immer noch an die Platten – es waren die ersten beiden Alben von Bill Fay. Henry machte Fay ausfindig und traf sich mit ihm. Sie schwelgten in Erinnerungen und Henry fand ein Label, das eine gemeinsame Studiosession finanzierte – Dead Oceans, das zukünftige Label von Bill Fay. Ein paar Sessions später waren genug Songs für ein Album im Kasten und Life Is People geboren.

Obwohl man von Bill Fay seit 30 Jahren nichts gehört hatte, war der alternde Brite unter Insidern immer ein Geheimtipp. In den späten Neunzigern huldigten Künstler wie Jeff Tweedy von Wilco oder Nick Cave die alten Fay-Platten, coverten ihn und holten ihn sogar auf der Bühne. Doch das Comeback blieb aus, nur eine Compilation und zwei Re-Issues waren das Ergebnis.

Bill Fay war enttäuscht über den Verlust seines Plattenvertrags, denn Musik ist seine Leidenschaft, ist das, wofür er geboren ist. Doch er musste seine Brötchen notgedrungen anders verdienen. So schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch und das bis ins Rentenalter. Das hat er längst erreicht, denn inzwischen ist Bill Fay 69 Jahre alt. Doch Fay ist nicht wütend und auch nicht verbittert. Stattdessen zieht er auf seinem neuen Album ein versöhnliches Resümee.

Die Medien feiern Fay mit der Veröffentlichung von Life Is People gerade wie einen verloren Sohn, der endlich heimgekehrt ist, als einen noch lebenden Nick Drake. Doch der große, späte Durchbruch bleibt Bill Fay trotzdem vergönnt, denn er ist immer noch der geheime Tipp für Liebhaber. „Life Is People“ verkauft sich nicht annähernd so gut wie Tempest, die neue Bob Dylan-Platte. Man fragt sich nur warum!?

Fays Material ist außerordentlich gut, die Stimme kraftvoll und deutlich, wie sie zu Dylans besten Zeiten nicht war. Seine Songs berühren und sind Identifikationsfläche in einem. Seine Zielgruppe ist riesig, einerseits die Generation seines Produzenten Joshua Henry, also die 20-30 Jährigen, andererseits die Väter dieser Generation. Jeder, der auf den Boss steht, Tom Petty verehrt und Bob Dylan Bootlegs sammelt, müsste doch eigentlich auch Bill Fay mögen. Liegt es vielleicht daran, dass unsere Väter sich lieber das fünfte Best-Of von Bruce Springsteen kaufen oder wird jemand wie Bill Fay erst nach dem Tod zur Legende? Schade wäre beides.