Bis an die Grenzen des eigenen Geschmacks – die Erfolgsgeschichte von Air

26.01.2010

Auf die französische Popband Air kann sich so ziemlich jeder einigen. Es ist eine dieser Konsens-Bands, die eigentlich machen können was sie wollen, die Leute kaufen es und finden es gut. Und wenn mal ein schwächeres Album dabei ist, dann findet man Air als Band trotzdem gut und wartet geduldig auf die nächste Platte.

Air - Love 2

Love 2

Air

(Virgin Fra / EMI, bereits erschienen)

Im Oktober letzten Jahres brachten Air mit Love 2 ihr neustes Werk raus. Der verträumte Elektropop trifft noch immer den Geschmack der Massen. Die Geschichte von Air ist eine Erfolgsgeschichte, die nun schon 15 Jahre andauert. detektor.fm blickt zurück auf das Schaffen des Pariser Duos.

Ein Beitrag mit freundlicher Unterstützung von Michael Wallies (Bleep Hop, Radio Blau).

Ich muss zugeben, wir wollten den kommerziellen Erfolg noch bevor wir überhaupt Erfolg hatten. Ich wünschte mir das, aber ich war nicht bereit. Um wirklich Erfolg zu haben, muss man an die Grenzen des eigenen Geschmacks gehen. Es ist extrem schwer, gleichzeitig etwas Künstlerisches zu schaffen, dass vom Herzen kommt und trotzdem erfolgreich wird.

© Dominique TarléJean-Benoît Dunckel© Dominique Tarlé 

Aus Jean-Benoît Dunckel spricht die jahrelange Erfahrung eines Musikers, der seit 15 Jahren zusammen mit seinem Kumpanen Nicolas Godin zu den bekanntesten Künstlern Frankreichs, wenn nicht sogar der Welt gehört. Der geplante Erfolg ist ein Unterfangen, das meist nach hinten losgeht. Mit Air haben die beiden musikbegeisterten Franzosen 1995 einen Masterplan, der funktioniert UND von Herzen kommt. Dabei begann alles mit dem simplen Wunsch, genau das zu machen, worauf man Lust hat. Jean-Benoît erinnert sich an die Anfänge.

Wir wollten schon immer Musik machen. Als ich ein Kind war, schickte meine Mutter zum Konservatorium um klassische Musik zu lernen. Ich habe schon immer Musik gemacht. Im Grunde geht es uns darum uns mit der Musik auszudrücken. Das ist etwas ganz Natürliches. Wir hatten damals nur wenige Instrumente – ein Fender Rhodes und einen Moog-Synthesizer. Wir waren von der Schönheit von Songs an sich sehr angetan. Er war schon sehr poetisch.

JB und Nicloas sind aus gutem Haus und studieren Mathe und Architektur in Versailles. Dort wagen sie auch ihre ersten Gehversuche als Musiker. Zusammen mit Alex Gopher gründen sie die Band Orange und machen Indie Rock mit 3 Akkorden. 1995 will Gopher lieber Toningenieur sein und verlässt die Band, übrig bleibt ein Duo – es ist die Geburtsstunde von Air.

Mit Moon Safari veröffentlichen Air 1998 ihr gefeiertes Debütalbum, das millionenfach über die Ladentische geht. Es hält Einzug in den Bars, Clubs und nicht zuletzt in den Schlafzimmern, eilt doch den verträumten Popsongs der Ruf voraus, es sei der perfekte Soundtrack zum Beischlaf.

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© Luciana Val & Franco Musso© Luciana Val & Franco Musso 

Air sind Ende der Neunziger in aller Munde. Auch die Tochter des Star-Regisseurs Francis Ford Coppola kommt an Moon Safari nicht vorbei und will die Band für ihr neustes Filmprojekt gewinnen.

Als uns Sophia Copolla uns fragte, war sie total beeindruckt von »Moon Safari«. Sie wollte so etwas für Ihren Film. Wir hatten alle Freiheiten, denn sie gab uns ihr ganzes Vertrauen für den Soundtrack zum Film.

Die Selbstmord-Schwestern ist ein düsterer Roman des Schriftstellers Jeffrey Eugenides und gleichzeitig Vorlage für den Film The Virgin Suicides von Sofia Coppola. Air wagen das Experiment und komponieren den Soundtrack dazu.

»Virgin Suicides« sollte klingen wie in einer Kirche. Die Szenen, die uns Sophia Coppola vorab schickte waren sehr düster. Sie hat den Film am Ende aber so bearbeitet, dass eine Teenager-Lovestory daraus wurde. Die Rohversion war vollkommen anders. Da waren Momente des Todes. Die Mädchen nahmen Drogen und machten verrückte Sachen. Die Szenen zu denen wir die Musik entwarfen, waren also viel trashiger als der fertige Film.

Nach dem Ausflug in die Film-Ecke bringen Air 2001 ihr zweites reguläres Studioalbum raus: 10.000 Hz Legend. Es ist experimenteller als sein gefälliger und loungiger Vorgänger und stößt damit vielen Air-Fans vor den Kopf. Gleichzeitig entwickelt die Band ihr Markenzeichen weiter: Der verfremdete, mal elfengleiche, mal roboterartige Gesang. Die Musik ist nicht an eine feste Sängerfigur gebunden und somit körperlos.

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© Luciana Val & Franco Musso© Luciana Val & Franco Musso 

Mit Talkie Walkie knüpfen Air 2004 wieder an die Erfolge der Moon-Safari-Zeit an. Jean-Benoît geht noch einen Schritt weiter.


»Talkie Walkie« ist für mich das goldene Zeitalter. Das Stück »Cherry Blossom Girl« wurde überall gespielt, im Radio im Fernsehen, es war ein großer Erfolg. Selbst das Stück »Alpha Beta Gaga« war in England ein Hit. Alle Stücke waren zugleich poppig aber auch experimentell. Die Arbeit ging uns leicht von der Hand. Das Album ist sehr gut produziert, aber auch zugänglich. Das war wirklich das goldene Zeitalter für Air.

Einhergehend mit massivem Radio-Airplay und Chart-Erfolgen muss sich Air dem Vorwurf der Gefälligkeit aussetzen. Zu beliebig seien die Songs, es fehle die Reibung. Unbeirrt macht das Duo weiter, hält sich jedoch an seine selbstauferlegte Regel, mit jedem neuen Album ein bisschen anders zu klingen und neue Herangehensweisen auszuprobieren.

Pocket Symphony erscheint 2007 und geht wieder einen Schritt zurück Richtung Minimalismus und Experimentierfreudigkeit. Die Songs sind aufs Wesentliche reduziert und haben oft keine festen Strukturen. Für viele ist der Ansatz zu arty, doch wie man es von Air mittlerweile gewohnt ist – man wartet einfach auf das nächste Album und bleibt der Band treu.

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© Luciana Val & Franco Musso© Luciana Val & Franco Musso 

Das aktuelle Album Love 2 entsteht im selbstgebauten Studio in Paris. Über die Jahre haben sich JB und Nicolas ein beachtliches Sammelsurium an Instrumenten zusammengekauft. Ob Synthesizer, Vibraphon oder Melodica – Air haben Freude am Experiment. Ganz ohne Zeitdruck entstehen die neuen Songs in stundenlangen Jam-Sessions.


Love2 schreibt die Erfolgsgeschichte der französischen Pop-Band Air weiter. Den kommerziellen Erfolg hatten sie in ihren Anfangsjahren, finanziell abhängig sind sie längst nicht mehr. Bei ihrem Label genießen sie Narrenfreiheit und haben nebenher noch unzählige Projekte. Man muss sich die zwei Tausendsassas als Workaholics vorstellen, im Dienste der Musik. Erfolg haben sie so oder so. Doch wie heißt es so schön: Der Erfolg macht alle Träume war und verprügelt seine Liebhaber. Davon kann auch Jean-Benoît ein Lied singen.

Ich muss zugeben, dass ich jetzt kaum Zeit habe, da ich zu viel arbeite. Ich finde keine Zeit für meine Freunde. Das ist kein normales Leben. Ich wünschte ich hätte mehr Zeit. Ich denke, der Erfolg wird so oder so vergehen. Manchmal fühlt es sich an, wie in einem Krankenhaus. Im Moment sitze ich in einem Hotelzimmer und kann nicht weg. Hier gibt es nichts Aufregendes. Ich fühle mich wie einem goldenen Käfig gefangen.

Vielleicht werden Air nun wieder experimentierfreudiger. Und wem das nicht gefällt, der braucht sich nicht sorgen: Das nächste Air-Album kommt bestimmt.