detektor.fm-Session mit Jim Kroft

Ein Boot für Sara

13.07.2016

Kann man mit Musik die Welt ein klein wenig besser machen? Jim Kroft zeigt, dass das geht. Dank seiner Courage und einer Handvoll Songs hat eine Gruppe Flüchtlingshelfer auf Lesbos nun ein Boot, das Leben retten kann. Wie es dazu kam, erzählt Jim Kroft in der detektor.fm-Session.

Jim Kroft - Journeys #3

Journeys #3

Jim Kroft

(Field Recordings, bereits erschienen)

Ein Mann, eine Gitarre, eine Kamera – getreu diesem Motto tourt Jim Kroft um die Welt. Er ist Musiker, Fotograf und Filmemacher. War schon in China, Afrika und Russland. Im Februar 2016 fährt er mit seinem Van nach Griechenland. Dahin, wo sich die täglichen Dramen der Flüchtlingskrise abspielen: in Idomeni und auf Lesbos. Oder wie er es in einem seiner Songs nennt: der Strand der Hölle.

Den Flüchtlingen in Songs ein Gesicht geben

Jim Kroft ist hautnah dabei, als unterkühlte und verängstigte Menschen in überfüllten Booten am Strand ankommen. Das Erlebte hält er fest – auf Fotos und in Songs. Zurück in seiner Wahlheimat Berlin nimmt er innerhalb von 48 Stunden ein Album auf. Die Studios, Musiker, Produzenten und Tontechniker arbeiten dabei alle kostenlos. Denn von dem Geld, das Kroft per Fundraising gesammelt hat, soll ein Boot gekauft werden. Für Rettungshelfer auf Lesbos.

Eine Handvoll Songs und Fotos hat Jim Kroft mitgebracht von seiner Reise. Die Geschichten dazu hat er uns in der detektor.fm-Session erzählt und vorgesungen:


Drei Bilder, drei Geschichten

„Paco“

Paco Jim Kroft
Jim Kroft: „Der Mann, der durch das Wasser auf das Boot zu läuft, heißt Paco. Ein Spanier mit einem großen Bart und einem abgefahrenen Lachen. Wir sind gut miteinander ausgekommen und haben uns manchmal zum Schichtende einen Whiskey geteilt. Diese Typen waren da jede Nacht. Spanische Feuerwehrmänner und Rettungshelfer. Die arbeiten da in ihrem Urlaub, ohne Bezahlung. Beeindruckend! Man muss sich das mal vorstellen: die Leute kommen aus einem vom Krieg gezeichneten Land und mit ihrem ersten Schritt auf den neuen Kontinent holt sie dieser 50-jährige Feuerwehrmann mit dem Gandalf-Bart aus dem Wasser. Wenn wir alle so einen Spirit hätten, gäbe es viel mehr Lösungen als Probleme.“

„Golgota“

Golgotha Jim Kroft
Jim Kroft: „Zwei Berge mit Schwimmwesten, ein dunkler Himmel und goldenes Licht hinten bei den Bergen. Das fühlte sich fast schon religiös an, als ich das sah. Sehr surreal! Aber jede dieser Schwimmwesten steht für ein Leben. Man weiß ja, wie viele Leute letztes Jahr auf dieser Reise gestorben sind. Dort zu stehen und das Ausmaß zu sehen – das war wie das mächtigste Kunstwerk der Welt. Nur ist das keine Kunst, das passiert wirklich. Das kann man eigentlich nur mit biblischen Begriffen beschreiben.“

„James Dean“

James_Dean Jim Kroft
Jim Kroft: „Dieser junge Mann muss so um die 20 sein und kam gerade von einem der Boote. In seinem Blick sieht man einerseits diese Traurigkeit über all das, was er zurückgelassen hat. Aber gleichzeitig ist da so ein Funkeln in seinen Augen. Ich habe das Bild „James Dean“ genannt. Wir haben da alle diesen Popkultur-Typen vor uns, den „Rebell ohne Grund“. Aber der Typ ist ohne Hab und Gut am Strand angekommen und steckt sich eine Zigarette an. Er hat nichts, wohin er zurück kann und weiß nicht, was vor ihm liegt. Aber er strahlt so eine Gelassenheit und Coolness aus. Das ist viel größer als dieses Pop-Ding.“