Die Kassette feiert 50. Geburtstag und ihr Comeback

07.09.2013

Heute findet weltweit zum ersten Mal der Cassette Store Day statt. Wie auch beim alljährlichen Record Store Day, gibt es hier exklusive Veröffentlichungen von verschiedenen Künstlern. Die Huldigung der guten alten Musikkassette kommt in diesem Jahr genau richtig, denn die Kassette wird 50. Höchste Zeit also, das Medium wieder aufleben zu lassen.

Vor 50 Jahren erstmals bei der IFA in Berlin vorgestellt: die Audio-Kompaktkassette. Foto: Jim Davies/flickr

Die Berliner Band Jeans Team gehört zu einer Vielzahl von Künstlern, die derzeit ihre Songs wieder auf Kassette veröffentlichen. 50 Jahre nach ihrer Einführung, gewinnt die Kassette heute plötzlich zunehmend an Bedeutung. Aber wie ist das zu erklären? Jeder dürfte sich noch an lästigen Bandsalat und leiernde Lieblingssongs erinnern. Doch all das scheint heute wieder in den Hintergrund zu rücken.

Vor allem für Independent Labels ist die Kassette interessant. Immer mehr von ihnen schießen aus dem Boden und versorgen den Markt mit frischen MCs. Dazu zählt auch das Kölner Elektronik-Label Camp Magnetics, das vor kurzem sein drittes Tape veröffentlicht hat. Für die Betreiber Sebastian Ingenhoff und Roland Wilhelm ist die Kassette immer noch sehr reizvoll:

Der Reiz liegt darin, dass es sehr leicht ist auf Kassette Musik rauszubringen. Vinyl-Produktion wäre im Vergleich viel teuer. Zusätzlich hat die Kassette auch einen Retro-Reiz. Man könnte sich beispielsweise auch günstig CDs herstellen lassen, aber die sind von der Haptik und Optik nicht so attraktiv. Außerdem sind wir alle mit Kassetten aufgewachsen und fühlen uns mit ihr sehr stark verbunden, obwohl es ein Medium ist, was schon totgesagt wurde.

Betreiber des Labels Camp Magnetics (Foto: Tobias Vollmer)Sebastian Ingenhoff und Roland WilhelmBetreiber des Labels Camp Magnetics (Foto: Tobias Vollmer) 

Sammler brauchen Haptik

Doch Totgeglaubte leben ja bekanntlich länger! Wie der führende japanische Hersteller von Leerkassetten TDK neulich verkündet hat, haben sich die Absatzzahlen seit ihrem Tiefpunkt 2007 wieder stabilisiert. Zwar sind die Verkaufsrekorde der 90er lange Geschichte, doch Liebhaber des Kultmediums gibt es immer noch genug. So bleiben kleine Labels wie Camp Magnetics treue Kunden und veröffentlichen ihre 45-minütigen House- und Techno-Sets weiterhin auf Kassette.

Bandmitglied von Jeans TeamFranz SchütteBandmitglied von Jeans Team 

Heute findet Musik hauptsächlich in den digitalen Medien statt. Alles ist in kürzester Zeit erhältlich und lässt sich verschleißfrei überall speichern. Umso verwunderlicher ist es, dass Musikkonsumenten wieder auf die Kassette zurückgreifen. Franz Schütte, eine Hälfte von Jeans Team, hat dafür eine Erklärung:

Es ist dieses Haptische, wonach sich die Leute zurücksehnen. Sie wollen ihre Musik wieder sortieren können. Am Computer kann man die Sachen gar nicht mehr richtig finden. ITunes beispielsweise finde ich extrem schlecht. Es fühlt sich sehr taub an, wie dort die Stücke geordnet sind und wie man darauf zugreift. Die ganze Oberfläche ist komplett hemmend und man will ja nicht gehemmt sein mit seinen Lieblingen. Als Tape-Käufer ist man auch Sammler und dafür brauch man den haptischen Bezug.

Das Sortiment ist groß

Diese Meinung teilen viele Musikfans und nehmen neue Veröffentlichungen auf Kassette dankend an. Davon profitieren auch Musikkassetten-Hersteller, wie die Firma Audio Service in Leipzig, die ihre alten Maschinen immer noch regelmäßig anwirft. Mit einem sogenannten Loader werden die als Boxen bezeichneten rohen Gehäuse automatisch mit der gewünschten Länge Magnetband bespult. Über mehrere Naben wird das Band zuvor in die Maschine eingefädelt und landet kurz darauf nach und nach genau portioniert auf den einzelnen Kassetten. Mit Schnellkopierern wird im Anschluss die Musik von CDs in 32-facher Geschwindigkeit auf die Bänder überspielt.

Der Kundenkreis ist vielfältig und lässt sich nicht mehr nur auf Musik bestimmter Genres begrenzen, erzählt Audio-Service-Gründer Gunnar Heuschkel:

Punk war schon immer gefragt. Kurze Tapes, kurze Songs. Auch die Kunstfraktion bringt häufig kuriose Aufnahmen wie reines Brummen. Das geht dann schon über in die Noise-Richtung mit bloßen Sounds. Auch Metal hat sehr zugelegt. Momentan ist das Spektrum wieder weit gefächert. Von Hip-Hop bis Pop-Produktionen ist alles dabei.

Neben Kassetten kann man auf dem Gelände von Audio Service in Leipzig auch Schallplatten pressen lassen. Das liegt nahe. Vinyl ist schließlich schon in den letzten Jahren stark zurückgekommen und scheint jetzt sogar die CD zu überleben. Ob die Kassette zukünftig ein ähnliches Revival feiern kann, sieht Heuschkel jedoch skeptisch:

Das Problem liegt in der benötigten Technik, wie Tonköpfe oder Kassettendecks. Durch die kleine Nachfrage sind diese Materialien nicht mehr auf hohem Niveau erhältlich. 2004 haben wir von einer Veröffentlichung 1000 Stück produziert. Heute machen wir stattdessen fünf mal fünfig Exemplare. Es sind also viele kleine Auflagen. Man sollte das nicht überbewerten.

Kassetten bleiben Nische

Es bleibt also vorerst bei kleineren Auflagen und der Kassette als Vertreter eines Nischen-Mediums. Ob sie die nächsten 50 Jahre auch noch überstehen wird, bleibt abzuwarten. Doch bis das soweit ist, liegt man mit der Kassette definitiv im Trend und kann mit ihr sicher noch eine ganze Weile in Erinnerungen schwelgen. Jeans Team Bandmitglied Franz Schütte weiß jedenfalls genau, warum er seine Tapes für immer Mp3-Files vorziehen wird.

Ein Tape kann man überall hinschleppen oder in ein schönes Regal stellen. Dann nimmt man es raus, spielt es und hat es in der Hand. Man kann sich dabei das Cover anschauen und hat das Gefühl man widmet seine Zeit gerade diesem Tape. In diesem Moment hat man eine schöne Zeit mit der Musik. Alles andere ist nicht vergleichbar. Wenn man eine Playlist laufen lässt hört man alles nur durcheinander.