Digital ist besser? Der Stand der Musikwirtschaft

29.04.2013

Die Musikindustrie klagt schon lange über rückläufige Umsätze. Schuld daran soll das Internet sein. Jetzt geht es dank Internet aber wieder aufwärts. Wir haben bei Vertretern der Musikbranche nachgefragt, wie das Netz vom Totengräber zum Hoffnungsträger werden konnte.

In der Musikwirtschaft herrscht trotz leicht gesunkener Umsätze Optimismus. (Quelle: Bundesverband Musikindustrie e.V.)

Kennen Sie diesen Song? Wahrscheinlich schon, denn I Follow Rivers von Lykki Li wurde nicht nur im Radio rauf und runter gespielt. Er gehörte auch zu den am meisten heruntergeladenen Songs im letzten Jahr. Die Musikindustrie klagt ja schon lange über sinkende Umsätze und seit Jahren heißt es, dass bald die Talsohle erreicht wäre. 2012 wurde in Deutschland mit Musik mal wieder ein bisschen weniger Geld verdient. Trotzdem übt sich die Branche in ungekanntem Optimismus. Der Autor und Journalist Tim Renner hat dafür folgende Erklärung:

Der neue Optimismus hat schon einen realen Hintergrund und der passiert in Märkten wo die Digitalanteile viel höher sind als in Deutschland. Selbst in Amerika sind es bereits 50 Prozent, in Märkten wie Schweden sind es 60 Prozent. Der Verband reportet jetzt 23 Prozent, das heißt gemäß des Branchenmagazins Billboard ist Deutschland ein digitales Entwicklungs- bestenfalls Schwellenland verglichen mit anderen.

»Legale Angebote wurden in Deutschland blockiert«

Chef von Motor Entertainment, Journalist und Autor.Tim RennerChef von Motor Entertainment, Journalist und Autor. 

Deutschland scheint ein bisschen den Anschluss verpasst zu haben. Die Urheberrechtsgesellschaft GEMA hat dabei laut Renner eine entscheidende Rolle gespielt.

Das liegt daran, dass die Angebote in Deutschland eher blockiert denn forciert wurden. Alleine in Deutschland hat es sage und schreibe acht Jahre gedauert, bis sich die GEMA einigen konnte, wie sie Downloads vergütet.

Für 2012 verzeichnet der Bundesverband der Musikindustrie ein Umsatzwachstum von 20 Prozent im Digitalbereich. Die Gründe sieht Geschäftsführer Florian Drücke unter anderem in einem breiteren Angebot:

Wenn wir auf Angebotsseite uns das anschauen, dann sehen wir ja dass das legale Angebot mit fast 70 Angeboten in Deutschland erheblich zugelegt hat. Die Streaming-Dienste sind jetzt in Deutschland angekommen, das vergleichsweise spät, aber mit einem erheblichen Potenzial.

Trotz Streaming und Co. – die CD lebt

Geschäftsführer des Bundesverbandes der MusikindustrieDr. Florian DrückeGeschäftsführer des Bundesverbandes der Musikindustrie 

Auch wenn der größte Teil des digitalen Umsatzes noch über Downloads generiert wird, erfreut sich Streaming dank Spotify und Co. wachsender Beliebtheit. Allerdings gibt es für die kostenlosen Dienstleistungen von Spotify noch keine Einigung mit der GEMA. Das betrifft immerhin 85 Prozent aller Spotify-Nutzer, die ohne Bezahl-Account Musik streamen. Neben Problemen bei der Vergütung, führt Florian Drücke noch einen weiteren Punkt an:

Vielleicht ist die Zeit reif, sich für Streaming zu öffnen. Sicherlich ist der Digitalanteil im Vergleich zu anderen Ländern noch geringer. Anders als andere Länder haben wir immer noch eine starke Nachfrage nach CDs. Und das ist ja keine Schwäche des deutschen Marktes, sondern etwas Positives.

Der Umsatz mit sogenannten physischen Musikprodukten, also CDs und LPs, macht hierzulande immer noch mehr als 75 Prozent aus. Das gilt nicht nur für Veröffentlichungen der Major Labels, sondern auch im Independent Bereich. Anders Sjölin ist Verkaufsleiter bei Indigo, einem der größten Vertriebe für Independent-Labels. Er fasst die Situation wie folgt zusammen:

Das totgesagte Format CD ist nach wie vor das, wovon dieses Branche eigentlich lebt.

Herausforderung für kleine Labels

Verkaufsleiter beim unabhängigen Musikvertrieb IndigoAnders SjölinVerkaufsleiter beim unabhängigen Musikvertrieb Indigo 

Außerdem haben sich die Vinyl-Verkäufe positiv entwickelt, machen aber nach wie vor nur einen sehr geringen Teil des Gesamtumsatzes aus. Für Sjölin ist der wachsende Digitalbereich kein Grund zu übertriebenem Optimismus. Er sieht eher Probleme für kleinere Labels:

Für kleinere Bands und Labels wird es sicherlich schwierig, mit diesen neuen Formen auch so viel Geld zu verdienen, um die Produktion zu finanzieren, die Bands ins Studio zu schicken und auch weiterhin zu unterstützen mit Marketing usw. Das wird sicherlich nicht leichter werden.

Andererseits hat Sjölin die Hoffnung, dass durch den einfacheren Zugang künftig mehr Leute dazu bewegt werden können, Musik aktiv zu hören. Sjölin sieht zum Beispiel folgende Möglichkeiten:

Damit es richtig funktionieren soll, wird es wichtig sein, solche Angebote mit Hardware-Verkauf zu verknüpfen oder Verträge für Smartphones etc. Also dass man quasi Smartphoneverträge abschließt, bei denen man einen Streaming-Dienst benutzen kann usw.

Rechtliche Rahmenbedingungen entscheidend

Wenn die deutsche Musikbranche im internationalen Vergleich nicht noch mehr Boden verlieren will, sind vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen entscheidend. Nur bei fairen und eindeutigen Regelungen können neue Geschäftsmodelle etabliert und Chancen genutzt werden. Noch einmal Tim Renner:

Jetzt läuft man dem Digitalen mit offenen Armen hinterher. Aber das Problem ist, das eine ist das Leistungsschutzrecht, das haben die Schallplattenfirmen und das andere ist das Urheberrecht, das hat die GEMA. Da hilft es überhaupt nichts, wenn die Plattenfirmen hinterher laufen. Der digitale Geist wird weg sein, wenn die Urhebergesellschaften ihm ein Bein stellen.