Ein bisschen Pussy Riot: Bernadette La Hengsts “Integrier mich, Baby”

28.08.2012

Wenn Feminismus in der deutschen Popmusik eine Stimme hat, dann ist das die von Bernadette La Hengst. Früher war sie Mitglied der Punkband "Die Braut haut ins Auge". Seit deren Auflösung vor zehn Jahren ist La Hengst solo unterwegs und inszeniert nebenbei Theater und Hörspiele. Ihr neues Album heißt „Integier mich, Baby“.

Fischt eben gern in unterschiedlichen Gewässern: La Hengst macht Musik, Hörspiele und inszeniert an großen deutschen Theaterbühnen (Foto: Christiane Stephan).

Ein bisschen Pussy Riot: Bernadette La Hengsts Integrier mich, Baby

Als vor sieben Jahren ihre Tochter auf die Welt kam, änderte sich das Leben von Bernadette La Hengst schlagartig. Früher war sie Punkerin, lebte prekär und geisterte des nachts durch Kneipen. Das konnte mit Kind so nicht ganz weitergehen. Darüber schrieb sie 2005 das Lied Rockerbraut und Mutter.

Jetzt, sieben Jahre und zwei Alben später, findet sie sich zwischen Grundschule und Bühne ganz gut zurecht. Ihr Leben hat einen festeren Rhythmus bekommen: Schule, Haushalt, Familienurlaub. Eine „Prenzlauer-Berg-Latte-Macchiato-Mutti“ ist die Wahlberlinerin trotzdem nicht geworden. La Hengst lebt weiterhin von ihrer Kunst. Sie macht Musik, produziert Hörspiele und inszeniert an großen deutschen Theaterhäusern. Meist arbeitet sie dabei mit Laien zusammen: jugendliche Strafgefangene, Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger.

Bei der Auswahl ihrer Darsteller zeigt sich schon: La Hengst will keine harmlosen Märchen erzählen. La Hengst will die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse kritisieren. Und genau das tut sie auch auf ihrem vierten Soloalbum Integrier mich, Baby.

Gegen wen und was Bernadette La Hengst da ansingt, liegt auf der Hand: Der Kapitalismus und der neoliberale Arbeitsethos, in dem die Selbstvermarktung des Individuums im Vordergrund steht. Utopist, Karrierist, Eskapist oder egomaner Feminist – wer weiß heute schon, wer er ist und was das gute Leben sein soll (Deine eigene Art)?

Na klar, und ohne Wirtschaftskritik kann ein Protestalbum ja heute auch nicht auskommen. Also, Frau La Hengst, bitte einmal böse gegen die Krise (Grundeinkommen Liebe)!

Nun ist Integrier mich, Baby kein staubtrockenes politisches Manifest geworden. La Hengst steht zwar hörbar links, schmückt ihre Kritik aber mit viel Ironie und Witz und vor allem persönlichen Geschichten. Musikmachen sei für sie eine Bestandsaufnahme ihres eigenen Lebens, sagt sie, und das ist noch immer, trotz Kind und Familie, ein ziemlich pulsierendes. Ihr zweites großes Thema neben der Kritik ist die Liebe – bedingungslos und zu jeder Zeit, zu zweit, zu vielt, drinnen und draußen (Liebe im öffentlichen Raum).

Integrier mich, Baby hat La Hengst, wie ihre restlichen Platten auch, allein produziert. Allerdings finden sich auf der Platte einige Gäste, vor allem aus der Hamburger Musikszene, wo La Hengst ursprünglich herkommt. Rocko Schamonie ist dabei, die Bläser der Aeronauten, Knarf Rellöm und eine Ex-Die Braut haut ins Auge Kollegin.

Dass La Hengst mal Teil einer Punkband war, ist auf Integrier mich Baby zumindest in den Melodien kaum noch zu merken. La Hengst steht mit beiden Beinen fest im Pop, und zwar im analogen. Wo auf ihren letzten Soloalben Elektronik war, finden sich jetzt vermehrt Streicher, Bläser und ein Chor (Happy End).

Die Revolution wird La Hengst mit Integrier mich Baby wohl nicht lostreten. Das hat sie, hört man sich ihre Texte genau an, wohl auch nicht, vielleicht nicht mehr, vor. Eher steht hinter der Platte eine Botschaft à la „Ja, das System ist falsch und nervt. Ja, das sollten wir in Frage stellen. Aber, auch nicht vergessen, dass das Leben schön ist, wenn überall und für alle Liebe da ist.“ Vielleicht ist das ja das Happy End, dass sich La Hengst vorstellt – so als Kompromiss zwischen Rockerbraut und Mutter.