“Wollten wir Geld verdienen, wären wir Banker” – Fanfarlo im Interview

11.05.2012

Als Musiker Geld zu verdienen, ist keine einfache Sache. Das Problem kennen auch die fünf Mitglieder der britischen Formation Fanfarlo. Abschrecken lassen sie sich davon trotzdem nicht – im Gegenteil, in ihrem aktuellen Album „Rooms filled with light“ steckt neben viel Herzblut auch jede Menge investierter Zeit, die sich nur schwer in einen Stundenlohn umrechnen lässt. Wir haben Sänger Simon Balthazar in Berlin getroffen.

Die ersten Songs fürs neue Album sind schon in Arbeit - Fanfarlo (Foto: Deirdre O’Callaghan)

Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass eine junge Band es auch über ein viel gelobtes Debütalbum hinaus schafft, sich die Gunst des Publikums oder gar einer Plattenfirma zu bewahren. Umso mutiger war es von Fanfarlo, bei Album Nummer Zwei klanglich eine deutlich andere Richtung einzuschlagen, als auf ihrem Debüt Reservoir.

Nach den schwelgerisch instrumentierten Popsongs von 2010 setzen Simon Balthazar und seine vier Mitstreiter jetzt auf einen verstärkt elektronischen Klang. Für Simon selbst bedeutete das vor allem, sich zum ersten Mal in seinem Leben mit einer elektrischen Gitarre anzufreunden:

Eine Menge Leute – ok, eine Menge Männer – spielen wahrscheinlich schon als kleine Jungs mit der E-Gitarre. Ich hatte das erste Mal eine in der Hand, als wir anfingen, die Songs für die neue Platte zu schreiben – insofern war es sehr aufregend und neu für mich. Überhaupt haben wir alle viel Neues gelernt, wir haben mehr mit Synthesizern gearbeitet. Und auch die klassischen Orchester-Instrumente, die wir spielen, haben wir in einer leicht verändertet Art und Weise eingesetzt.

Trotzdem war das Ganze weniger eine komplette Neuausrichtung als eine Weiterentwicklung des Fanfarlo-Sounds, sagt Simon Balthazar – und tatsächlich tauchen nach wie vor die klassischen Instrumente auf, mit denen Fanfarlo angefangen haben – Trompete, Violine oder Glockenspiel. Dass Fanfarlo ihren musikalischen Horizont um einige Komponenten erweitert haben, betrachtet Simon nicht als Risiko, sondern in gewisser Hinsicht sogar als künstlerische Verpflichtung.

Wahrscheinlich wäre es das größere Risiko gewesen, nochmal das Gleiche zu machen. Irgendwie ist es doch auch unsere Verantwortung uns selbst gegenüber, uns nicht zu wiederholen. Es ist nur richtig, sich weiterzubewegen. Alle Bands, die ich respektiere, machen genau das: Sie probieren neue Sachen aus.

Der Impuls, sich musikalisch weiterzuentwickeln war also keinem Trend geschuldet. Allerdings spielte wohl auch auch eine Rolle, dass Simon es nach dem ersten Album Reservoir ein bisschen satt hatte, die Band hartnäckig und ausschließlich in der Indie-Folk-Ecke platziert zu sehen.

Unsere erste Platte wurde ganz oft als Indie-Folk bezeichnet, aber damit habe ich mich immer ein bisschen unwohl gefühlt. Es ist kein Folk – es ist moderne Musik. Wir haben nie so getan, als sei es so ein „gute-alte-Zeit-zurück-zu-den-Wurzeln“-Ding. Klar, wir spielen viele traditionelle Instrumente, aber bei mir liegt das zum Beispiel einfach daran, dass ich damit groß geworden bin.

„Moderne Musik mit traditionellen Instrumenten“ ist natürlich kein Label, das in Plattenkritiken besonders griffig klingt, das gibt Simon Balthazar auch selbst zu. Letztlich sei es aber auch keine bewusste Entscheidung, nun gerade diese Art von Musik zu machen – so klingt es einfach, wenn die fünf von Fanfarlo zusammenkommen und sich ausprobieren.

Bisher, sagt Simon, entstanden die Songs immer nach einem ziemlich klassischen Muster: Er war derjenige, der die Songs schrieb und sie dann der Band präsentierte. Die fertige Form fanden sie dann gemeinsam im Studio. Mittlerweile tendieren Fanfarlo eher dazu, schon im Proberaum gemeinsam Ideen zu entwickeln.

Das Songwriting bei uns ist schon eher traditionell – ich schreibe die Songs alleine bei mir zu Hause und nehme ein erstes Demo davon auf. Dann spielen wir den Song gemeinsam und nehmen eine zweite Demo-Version auf. Bisher waren wir als Band also immer eher Aufnahme-orientiert. Im Moment bewegen wir uns eher in einer Richtung, wo wir erstmal im Proberaum jammen und dort Ideen ausprobieren. Ich denke, wir gehen etwas weniger intellektuell an die Sache heran und mehr aus dem Bauch heraus.

Auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen statt immer strikt rational und kopfgesteuert vorzugehen, ist ein Grundsatz, den Fanfarlo in allen Bereichen anwenden wollen. Anders kommt man wohl auch gar nicht weiter als Musiker – ohne Leidenschaft und vielleicht auch eine gewisse Leidensfähigkeit würde doch heute niemand mehr die Karriereentscheidung treffen, in einer Band zu spielen, sagt Simon. Die Musikindustrie sei nicht immer fair zu den Musikern, aber damit müsse man sich eben arrangieren.

Sobald es eine “Industrie” rund um die Musik gibt, werden Musiker ausgenutzt – das war immer so und wird auch so bleiben. Aber wir wissen das und spielen das Spiel eben mit. Wir wollen einfach nur Musik machen. Das Geld ist uns egal – wenn wir Geld verdienen wollten, wären wir Banker geworden. Ich fände es toll, wenn wir in einer Zeit lebten, in der Leute noch für Platten bezahlen, aber selbst damals ging doch ein Großteil davon an die Plattenfirmen. Es wird immer Menschen geben, die Musik machen. Vielleicht kommen dabei nicht mehr die ganz ambitionierten Platten heraus. Aber es wird weiter Musik geben, dafür wird sich ein Weg finden.

Fanfarlo jedenfalls haben einen Weg für sich gefunden und wollen den auch konsequent weiter gehen. Die ersten Songs für das dritte Album sind schon in Arbeit.