Geschäftsmodell Musikstreaming – Gewinner und Verlierer

28.02.2014

Unendliches Musikhören per Mausklick - Musik zu streamen ist Trend. Einige zahlen dafür, andere streamen umsonst. Wir haben uns genauer angesehen, wie das Geschäftsmodell von Streaming-Portalen funktioniert, für wen sich das Ganze rechnet und welche Chancen solche Dienste bieten.

Kein Geheimnis - Künstlerinnen und Künstler verdienen durch Musikstreaming sehr wenig. (Foto: Blixt A. | flickr | Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

The last fart of a dying corpse.“- mit diesem drastischen Statement hat Thom Yorke, Sänger der Band Radiohead, seiner Kritik an Musikstreaming Ausdruck verliehen.

Aber sind Streamingdienste wirklich derartig zu verteufeln, wie es Yorke getan hat? Wir haben über die Gewinner und die Verlierer von Musikstreaming gesprochen:


Wohin gehen meine 10 Euro für ein Streaming-Abo?

Der Knackpunkt liegt im Geschäftsmodell der Streaming-Portale. Es ist im Kern überhaupt nicht darauf angelegt, den Künstlerninnen und Künstlern Einnahmen zu verschaffen. Der Wiener Professor für Musikwirtschaft Peter Tschmuck erklärt, wer vom System Streaming profitiert.

Professor für Musikwirtschaft an der Universität für Musik und Darstellende Kunst WienProf. Dr. TschmuckProfessor für Musikwirtschaft an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien 

Profiteure von dem gesamten System sind derzeit die Inhaber der großen Musikkataloge. Das sind zum einen die Musiklabels, da wiederum vor allem die Majors. Wobei auch bei den Labels das nur ein Standbein ist. Denn sie sind zusätzlich noch an Spotify beteiligt. Das wird also immer wieder kolportiert, dass 18 Prozent von Spotify bereits den Majorlabels gehört. Das heisst sie sind eigentlich Eigentümer von Spotify.

Als Miteigentümer von Spotify kann man natürlich auch das ein oder andere mitentscheiden. Z.B. wie die Werbeeinnahmen und Abo-Gelder verteilt werden. Offizielle Angaben werden hierzu nicht gemacht. Solche Zahlen werden von Spotify und Co. tunlichst unter Verschluss gehalten. Ein Umstand der von Künstlerinnen und Künstlern immer wieder kritisiert wird.

Das Beispiel des Leipziger Indie-Künstlers Fabian Schütze von der Band A Forest zeigt, wie gering die Abrechnung von Streaming ausfallen kann.

Labelbetreiber und Sänger der Band A ForestFabian Schütze, A ForestLabelbetreiber und Sänger der Band A Forest 

Wenn man das dann ausrechnet, bewegt sich das so zwischen 0,3 und 0,4 Cents pro Stream. Knapp 15.000 Streams gleich 55 Euro.

Majorlabels kassieren Vorauszahlungen

Die Kosten für die Lizenzen, die den Zugang zu den Musikkatalogen von Majorlabels wie Universal und Co. ermöglichen, liegen im zweistelligen Millionenbereich. Hinzu kommen sogenannte Up-Front-Payments. Prof. Tschmuck erklärt, was das ist:

Ich muss einfach einen Betrag bezahlen, damit dann überhaupt einmal Verhandlungen möglich sind, damit man überhaupt erstmal über Beteiligungssätze sprechen kann. Deswegen sind ja die Labels so darauf erpicht, möglichst viele Streaming-Services zu haben, denen sie ihre Kataloge lizensieren können. Weil sie von jedem entsprechend Vorrauszahlungen kassieren können.

An diesen Zahlungen werden Künstlerinnen und Künstler nicht beteiligt. Erst ab dem Moment, in dem ein Stream zustande kommt, fließt auch Geld an die Musikschaffenden.

Musikstreaming als Chance

Colin Lovrinovic und Jörg Peters betreiben das Indie-Label Humming Records in Berlin. Beide sind schon seit längerem in der Musikbranche tätig. Colin Lovrinovic hat sogar Musikbusiness studiert und selbst zwei Jahre bei einem Streaming-Anbieter gearbeitet. Das komplexe System, das hinter so einem Streaming-Dienst steckt, ist nur schwer zu erklären, sagt er. Die Betreiber von Humming Records sehen aber vor allem das Potenzial von Streaming-Diensten.

Wir hatten zum Beispiel einen Release unserer Band In Golden Tears, von dem Wankelmut, den man ja von ‚One Day‘ kennt, einen Remix gemacht. Und der ist bei Spotify in ganz viele Playlisten reingerutscht. Bei iTunes hätten die Leute ihn vielleicht nicht gekauft, bei Spotify aber sofort gehört. Und das sind so Chancen, die gab’s früher nicht. Niemand hätte dann den Remix im Laden gekauft. Bei Spotify hören es dann doch sehr viele.

Streaming als Marketinginstrument

In den Augen von Peter Tschmuck ist Musikstreaming das Radio des 21. Jahrhunderts. Er regt dazu an, Streaming-Dienste als neues Marketinginstrument zu begreifen. Als zusätzlichen Distributionsweg, um seine Musik unter die Leute zu bringen und diese Dienste nicht als Einnahmequelle zu betrachten. Die sogenannten Digital Natives, die in einer Welt aufgewachsen sind, in der alles jederzeit im Internet verfügbar ist, haben ohnehin einen ganz anderen Blick auf das System Streaming. Das bestätigt auch Florian Kreier, Sänger der bayrischen Band Aloa Input.

Sänger und Bassist bei Aloa InputFlorian Kreier, Aloa InputSänger und Bassist bei Aloa Input 

Ich kann nicht mehr nachvollziehen, wie die Leute darüber denken. Thom Yorke kann sich hinstellen und Spotify kritisieren, weil ihm so viele Leute Geld hinterherschmeißen. Für mich war das immer total normal. Wenn man mit so Sachen wie Myspace oder Soundcloud aufwächst, denkt man über solche Sachen ganz anders. Ich find es wichtig, dass Musik zugänglich ist und dass es nicht nur in Deutschland so ist sondern auch in andern Ländern. Das hat auch einen kulturellen Wert, der einfach unmessbar ist. So wie Wikipedia.

Streaming und Downloads – Äpfel und Birnen

In Punkto Vergütung gibt es beim Streaming immer noch keinen gemeinschaftlichen Konsens. Oft wird beim Streaming der Vergleich zum Download herangezogen. Dabei ist Streaming doch eher eine Art Miete, sagt Jörg Peters von Humming Records.

Das ist so ein bisschen wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Das eine ist ein Kauf, das andere ist eine Nutzung. Ich werde pro Play vergütet. Im Streaming hast du einen kontinuierlichen Einkommensstrom. Und wenn man Download betrachtet, hast du zur Veröffentlichung einen Peak. Der flacht dann aber ganz schnell ab. Wenn man sich unseren Umsatz anschaut, dann hat Streaming – gemessen daran, dass es ein sehr junger Markt ist – schon einen enorm hohen Anteil.

Musikstreaming ist keine Wertschätzung der Künstler

Das Thema Musikstreaming birgt viele Missverständnisse. Darüber hinaus ist es eine Einstellungsfrage. Es per se zu verteufeln, wäre der falsche Weg.

Musikstreaming-Portale haben momentan noch kein adäquates Geschäftsmodell, mit dem Künstlerinnen und Künstler ein Einkommen generieren. Es verdienen große Labels und internationale Investoren. Wer als Fan seine Band unterstützen möchte und die Musik vor allem wertschätzen will, der macht das definitiv nicht bei Spotify und Co.