Haben Majorlabels bald ausgedient?

09.08.2013

Major-Labels machen das große Geld und Indies beuten sich selbst aus? Nicht unbedingt: in den USA verkaufen unabhängige Labels mittlerweile mehr Musik als die großen Konzerne. Laufen die Indies bald den Majors den Rang ab? Wir haben bei einem Indie-Labelbetreiber nachgefragt.

In gut sortierten Plattenläden ist Vielfalt der Indie-Labels sichtbar. Foto: Tom Mcshane/flickr

Ein Telefon, ein Computer und ein oder zwei Typen, die sich in den bis zur Decke vollgestopften Keller quetschen. So hat irgendwann wohl jedes kleine Plattenlabel angefangen. Meistens stecken entweder die Bands selbst dahinter oder deren Freunde. Ihre Motivation ist, neben Idealismus, oft auch die pragmatische Einstellung: selbst ist die Band. Denn die Chancen, als z.B. experimentelle Noise-Band auf einem Major-Label zu landen, sind nicht besonders hoch.

Jeder fängt mal klein an

Unzählige, heute kultisch verehrte Bands, wie Sonic Youth oder Dinosaur Jr. haben so ihre ersten Plattendeals bekommen. Auch Sebastian Schweizer war und ist vor allem Musikenthusiast. 1999 hat er mit einigen Freunden das Rap-Label Chimperator gegründet.

Wir waren damals ein großer Freundeskreis von Leuten, die selber Musik gemacht haben, die DJs waren oder gesprüht haben. Wir wollten uns gegenseitig unterstützen und unsere eigene Musik rausbringen ohne dass wir von jemand anderem abhängig waren.

Mittlerweile sind die unabhängigen Plattenfirmen eine ernstzunehmende Größe geworden. In den USA haben im ersten Halbjahr 2013 alle Independent-Labels zusammen mehr Musik verkauft als jeder einzelne Major-Konzern, berichtet das Magazin Billboard.

Vom Freundeskreis zur Rundum-Künstlerbetreuung

In Deutschland sind die Stuttgarter von Chimperator spätestens seit dem Chart-Erfolg von Cro in aller Munde. In einem vollgestopften Keller sitzen die Labelbetreiber natürlich längst nicht mehr. Aus dem Freundeskreis ist eine Firma mit vielen unterschiedlichen Geschäftsbereichen geworden.

Die Ursprungsfirma ist Chimperator Productions, das ist ein Label, dazu außerdem auch Management. Dann gibt es Chimperator Live GmbH, das ist unsere Booking- Agentur. Es gibt außerdem die Chimperator Departmend GmbH, das ist ein neues Label. Und dann gibt es noch den Verlag Affen Publishing. Das wars, das heißt wir decken komplett das ganze Feld ab, von Booking über Label, über Management bis hin zum Verlag.

Braucht man Major-Labels überhaupt noch?

Chimperator bietet damit Rundum-Künstlerbetreuung und -vermarktung – im Businessjargon heißt das 360-Grad-Deal. Einige Indies funktionieren also wie kleine Majors. Braucht es da überhaupt noch Majors? Offenbar schon, denn 2011 wechselte die Band “Die Orsons” von Chimperator zu Universal. Geld und Manpower hätten damals nicht ausgereicht, um die Band auf das nächste Level zu heben, sagt Schweizer. Majors sind immer noch in der Lage, höhere Vorschüsse zu zahlen und sind mitunter auch noch besser vernetzt. Kleinere Labels haben hingegen andere Vorteile.

Ein Indie kann auf Situationen unkompliziert und mit neuen Ideen reagieren. Ein Major braucht dazu sehr viel länger und ist tendenziell auch, gerade was das Netz angeht, ein bisschen skeptisch und vorsichtig. Das ist der Unterschied. Das ist glaube ich auch der Grund, warum Indies immer erfolgreicher werden. Sie können sich an die neue Situation, also an neue Hörgewohnheiten und an die neue Art, wie Musik konsumiert wird von den Kids sehr viel besser anpassen. Die Majors denken oft noch in alten Strukturen.

In Zukunft nur noch Indies?

Für größere und mittelgroße Independent-Labels wie Chimperator wird es wohl in Zukunft leichter sein, ihren Marktanteil noch weiter zu steigern. Sie verfügen über die notwendige Infrastruktur und das Wissen, um ihre Künstler gezielt innerhalb einer bestimmten Szene zu vermarkten. Wie das Beispiel Cro zeigt, bleiben sie aber trotzdem anschlussfähig für den Mainstream. Außerdem sind sie flexibel genug, um auf neue technische Gegebenheiten schneller zu reagieren. Die Majors sind derweil damit beschäftigt, sich gegenseitig aufzukaufen. Gut möglich, dass die Indies demnächst an ihnen vorbeiziehen.