Keine Angst vor Popliteratur – Nagel: Was kostet die Welt

23.03.2011

Gilt der Ausdruck „das schwierige zweite Album“ eigentlich auch für das zweite Buch? „Was kostet die Welt“, fragt Ex-Muff-Potter-Sänger Nagel auf dem Buchdeckel seines aktuellen Romans. Bei detektor.fm spricht er über sein Verständnis von Popliteratur und erklärt, was das Weißweinmilieu mit der Indieszene gemein hat.

Nagel - Was kostet die Welt

Was kostet die Welt

Nagel

(Audiolith, bereits erschienen)

Als sich seine einflussreiche Deutschpunk-Band Muff Potter Ende 2009 auflöst, hat Nagels Karierre als Autor bereits begonnen. Bereits im Jahr 2007 erscheint sein Debütroman Wo die wilden Maden graben. Während der Erstling noch das Klischee vom schreibenden Musiker erfüllt und von einer fiktiven Rockband auf Tour handelt, nimmt das neue Werk mehr Abstand von der Biographie des Thorsten Nagelschmidt.

Sein neues Buch Was kostet die Welt begleitet Meise, einen typischen Antihelden. Sein Großstadteben verbringt Meise meistens mit Nichtstun oder vor und hinter dem Tresen seiner Lieblingsbar. Der Tod seines Vaters jedoch ändert die Lage. Mit dem Erbe reist Meise durch die Welt, auf der Suche nach sich selbst und um das Geld seines verhassten Vaters möglichst schnell wieder los zu werden. Seine Reisen führen ihn dabei auch an die Mittelmeerküste und nach Israel. Eine der Stellen des Buches, die für die Was kostet die Welt – EP vertont wurden.


Betrachtet man es von der musikalischen Seite, könnte Was kostet die Welt durchaus auch das neue Album des Solomusikers Nagel sein. Im Vorfeld der Veröffentlichung wurde eine Single produziert und sogar ein Video gedreht. Im Anschluss wurden vier Auszüge des Buches vertont und limitiert auf Vinyl veröffentlicht. Die Platte ist auf dem Hamburger Label Audiolith erschienen, der Elektropunk-Ideenschmiede um Charakterkopf Lars Lewerenz. Obwohl Lars immer für ungewöhnliche Ideen zu begeistern ist, musste Nagel zuerst Überzeugungsarbeit leisten.

Ich hab ihm davon erzählt, dass es das gibt. Dann gab es erstmal diese eine Single und das Video. Das fand er super. Ich hab dann gesagt, ich würde gern mehr machen und er sagte: „Ja, lass uns eine Single machen, mit zwei Songs“. Ich hätte gerne noch mehr gemacht, Lars meinte dann aber eine LP wäre zu teuer. „Na gut, dann eine 10 Inch.“, hab ich dann gesagt, aber er meinte die kostet genauso viel wie eine LP, aber das war mir egal und am Ende haben wir es so gemacht.

 

Viele Autoren lassen sich nur ungern den Stempel „Popliteratur“ auf den Buchdeckel drücken. Doch nicht so Nagel, er treibt den Popaspekt des Buches noch auf die Spitze.

In Deutschland und in vielen anderen Ländern steht Literatur noch auf einem anderen Ross. Das hat eher so einen Stempel von Seriosität und Hochkultur, als es zum Beispiel Popmusik, Indiemusik oder Punkrock hat. Deshalb glaube ich, man könnte Angst vor dem Stempel Popliteratur haben, weil man sich nicht ernst genommen fühlt. Aber das ist natürlich totaler Quatsch. Ich ziehe die Popschraube sogar noch etwas weiter an, indem ich einen Teil des Buches noch als Single auskopple und ein Video dazu mache. Es ist einfach so ein Spiel mit Schubladen.

 

Die letzten tausend Euro seines Erbes verprasst Meise im Moseltal und reist auf das Weingut einer Reisebekanntschaft. Wie eine kalte Dusche wird er aus seinem urbanen Leben gerissen und landet mitten zwischen Rebstöcken, Weinfesten und Provinzromantik. Nagel tauchte für das Buch tief ein ins Moseltal und kehrte mit einer Weisheit zurück: „Das Weißweinmilieu ist der Indieszene ähnlicher als man denkt“. Ein Satz der Erklärungsbedarf hat.

Das ist eine ganz spezielle Stelle im Buch, in der es um den Weinhersteller „Peter Mertes“ geht. Der sitzt auch an der Mosel und stellt diesen ganzen Discount-Billig-Wein her. Wein, den man bei Lidl oder Aldi im Regal findet. Das ist an der Mosel sehr schlecht angesehen, das ist sozusagen „Sellout“. Das ist eine große Firma, das hat nichts mehr mit liebevollem Do-It-Yourself-Weinherstellen zu tun, sondern das ist einfach nur die böse Industrie. Da könnte man tatsächlich sagen: Peter Mertes, das ist das Universal der Winzerszene, oder das Heine der Winzerszene oder was auch immer [lacht].

 

Was kostet die Welt führt nicht nur ins Moseltal, sondern auch in den Kopf eines End-Zwanzigers, der mehr denkt als er sagt. Meises Monologe bilden mit viel Witz und zynischen Beobachtungen die Höhepunkte auf den 320 Seiten. Der Roman spielt mit der Fantasie einer ganzen Generation, die sich nach Freiheit und fernen Stränden sehnt, aber nur in den wenigsten Fällen so überraschend zu Geld kommt wie der Protagonist Meise. Das Buch ist nicht nur etwas für Weinkenner und Großstadtneurotiker, auch Freunden der Popliteratur ist der Genuss einer Portion Nagel zu empfehlen.