Musik mit Seele – Wie kleine Labels das Musikkaufen wieder attraktiv machen wollen

27.05.2010

Immer im Januar veröffentlicht der Verband der Musikindustrie seinen Jahresbericht. Mittlerweile kann man dessen Inhalt ohne großes Rätselraten prognostizieren. Der physische Tonträgermarkt leidet, der digitale wächst, fängt den physischen aber noch nicht auf und so weiter und so fort. Und dann beginnt sie wieder: Die alte Leier von der Krise in der Musikindustrie. Weit abseits dieser Schlachtfelder gedeihen dagegen kleine Labels, die das Musikkaufen wieder attraktiv machen wollen und das auch schaffen.

Von Hand hergestellte Sonderversionen sollen den Sammlerinstinkt des Musikliebhabers wecken. / Foto: Petite Unique

Man muss schon für Musik brennen, um das durchzuziehen. Ein eigenes Label zu gründen oder als Musiker alle Fäden selbst in die Hand zu nehmen – dazu gehört eine Menge Herzblut und die Einsicht, dass das zum Leben nicht reichen wird. Und trotzdem wagen immer mehr Kreative den Schritt in die Unabhängigkeit. Vielleicht weil ihnen keine andere Wahl bleibt, vielleicht aber auch weil ihnen in der Welt von iPod, Laptop und MP3 etwas fehlt: Musik mit Seele.

Fabian SchützeMusiker und Labelbetreiber in einem. 

Bei Fabian Schütze geht es den ganzen Tag genau darum. Wenn der Sänger nicht mit seiner Band im Proberaum oder auf Konzerten ist, widmet er sich dem Label Analogsoul, das er zusammen mit Freunden auf die Beine gestellt hat. Es ist die Heimat für Bands, die genau den Idealen seiner Label-Philosophie entsprechen.

Wir müssen die Musik hören und vom Stuhl fallen. Es ist mehr so ein Grundgefühl, eine Ehrlichkeit ist damit gemeint. Es muss uns berühren und das ist dann mit Soul gemeint, in der deutschen Entsprechung dann eben: Die Musik muss Seele haben.

Die musikalische Umsetzung dieser Idee verfolgt Fabian selbst mit seiner Band A Forest. Kennengelernt haben sich die Musiker über Analogsoul – ein Paradebeispiel für die Funktionsweise eines solchen sich gegenseitig befruchtenden Netzwerkes und zugleich der Grundgedanke des Labels: Eine Kreativzelle aus Musikern, Fotografen, Grafikern Videokünstlern – man kennt sich und hilft sich gegenseitig. Gewissermaßen arbeitet niemand für lau. Wer etwas gibt, bekommt etwas zurück. Man tauscht sich aus. A Forest konnten dank dieses Netzwerks ihr erstes Album professionell aufnehmen und mastern, ohne sich dabei in finanzielle Nöte stürzen zu müssen. Die Songs verkauft die Band nun via Analogsoul weltweit über iTunes oder den Label-eigenen Shop. Die meisten CD-Verkäufe gibt es jedoch bei den Konzerten. Von den Einnahmen bleibt allerdings kaum etwas übrig.

Mit Förderung und sehr, sehr viel Enthusiasmus entsteht am Ende so etwas wie eine angenehm schwarze Null.

Hörprobe: A Forest – „A Stereotype

Darauf angesprochen, ob es bei diesem Ungleichgewicht zwischen Arbeitsintensität und Entlohnung nicht hin und wieder Zweifel gibt, antwortet Fabian:

Klar gibt’s die wenn man immer mal auf seinen Kontoauszug schaut, aber wenn man dann so eine CD in der Hand hält, die gerade frisch gebastelt wurde oder wenn man auf einer Bühne steht und es sind unglaublich viele Menschen da und es ist ein wundervoller Konzertabend, dann weiß man sehr genau, warum man das alles macht.

Mehr als nur ein Label.Logo von AnalogsoulMehr als nur ein Label. 

Die frisch gebastelten CDs sind das, was Analogsoul von der grauen Maschinerie der Plattenindustrie abhebt. Die Verpackungen werden in liebevoller Handarbeit gefalzt, gestanzt, gestempelt und beklebt. Das Resultat sind streng limitierte Unikate, die den potentiellen Käufer mit der Botschaft locken: Wenn Du mich kaufst, bekommst Du was Besonderes; etwas, das nicht jeder hat. Für die Macher von Analogsoul bedeutet das vor allem eine Menge Bastelarbeit.

Wir wollen, dass danach ein Produkt da ist, das eine Haptik hat und zu dem man sofort eine Beziehung aufbaut. Deswegen werden die z.B. die Papphüllen der CDs vom Buchbinder an alten Maschinen gestanzt, wir kleben die Aufkleber drauf, dann kommt da ein Magnet-Verschluss dran, es wird handgestempelt. Wir treffen uns dann immer zu Kaffee und Kuchen und dann wird halt gebastelt.

Auch wenn es nach wie vor ein Liebhaber-Thema zu sein scheint – der Trend geht zurück zur hochwertigen CD mit vielen Extras. Man will den Leuten nicht einfach eine karge Datei vor den Latz knallen. Diesem Habitus hat sich auch Christiane Pschierer verschrieben, die inmitten einer Zeit, in der alle „Krise“ schreien, ihr eigenes Label gegründet hat.

Aus jeder Krise entsteht ja auch immer etwas neues und gerade mit kleinen Sachen anzufangen ist vielleicht ein guter Weg.

Klein und einzigartig – die Label-Philosophie hat Christiane ähnlich wie Analogsoul im Namen des Labels manifestiert: Petite Unique Records. Nach wochenlangem Wühlen durch die Formulare von GEMA, GVL und Co stürzt sich Christiane nun in die Labelarbeit. Sie führt Listen mit wichtigen Kontakten, schreibt Clubs und Magazine an, telefoniert Journalisten hinterher. Die ersten Früchte dieser Sisyphusarbeit sind Konzerttermine und Rezensionen, die – sobald sie erscheinen – stolz durch die geläufigen Online-Kanäle in die Netzwelt gezwitschert werden. Die Gangart des Musik-Business hat sich die Labelmacherin während diverser Praktika bei Verlagen und Labels angeeignet. Die führten sie unter anderem auch in das britische Musik-Mekka London.

Labelgründerin von Petite Unique RecordsChristiane PschiererLabelgründerin von Petite Unique Records 

Ich hab dort alle Sparten durchgemacht, die man arbeitsmäßig in der Label-Geschichte durchlaufen kann und war unter anderem bei so genannten Plugger-Meetings. Das sind Meetings mit Produzenten von BBC Radio-Shows, wo man direkt die Möglichkeit hat seine neuen Releases vorzustellen. Das klingt romantischer als es ist. Man hat 5 Sekunden für jedes Release und dann fliegt man auch schon wieder raus. Das war eine harte, aber gute Schule.

Mit dieser Erfahrung im Rücken macht sich Christiane nun auf in ihre eigene Labelwelt. Auch Petite Unique will mit streng limitierten, handgemachten Produkten um die Gunst der Musikliebhaber werben und auf diese Weise einen Urinstinkt wecken.

Es soll für den Jäger und Sammler sein, für den Schatzsucher, der sich sagt: Jetzt gönne ich mir die Superbox – die haben nur noch 49 andere Leute außer mir. Bei den Downloads ist es ja oft so dass man die Musik zwar kauft, weil sie gerade gut zur Stimmung passt. Man kann sie sich sofort und für wenig Geld runterladen. Aber oftmals vergisst man dann, dass man es überhaupt auf der Festplatte hat. So limitierte Sachen haben dann meistens doch wieder einen besonderen Platz.

Diesen besonderen Platz soll sich nun der Elektronik-Künstler Udosson mit seinem Debütalbum Kurz unter Land ergattern – die erste Veröffentlichung des noch jungen Labels. Mit seinen teils epischen, teils minimalen Ambient-Soundscapes braucht sich Udosson nicht vor den Genre-Kollegen der Weilheimer Szene verstecken. Ein teures Studio war dazu nicht nötig. Mit den modernen Tools und Plugins im Homerecording-Bereich und dem nötigen Biss, sich autodidaktisch das Know-How von Kompressoren, Frequenzbändern und Mastering-Techniken draufzuschaffen ist so etwas heute durchaus von zu Hause aus machbar.

Hörprobe: Udosson – „Kurz unter Land“

Am Freitag erscheint Kurz unter Land, streng limitiert natürlich. Neben der normalen CD-Variante wird es eine auf 50 Stück begrenzte Sonderversion geben, bestehend aus einer handbesprühten, mit Plüsch ausstaffierten Box. Darin: Die CD, Poster, Buttons, Booklet und ein Windlicht. Wie Analogsoul hat sich auch Petite Unique der Freude am Basteln verschrieben.

Das ist ja das, was uns richtig Spaß macht. Wir freuen uns dann wie kleine Kinder zu Weihnachten, wenn das Produkt fertig ist.

Rückkehr zur CD mit vielen Extras.Logo von Petite UniqueRückkehr zur CD mit vielen Extras. 

Ähnlich groß wird die Freude sein, wenn Petite Unique am kommenden Freitag, pünktlich zum Album-Release, seinen Label-Geburtstag feiert, mit einem Konzert von Udosson. Im Juni geht es dann auf Tour und erst gestern flatterte die Bestätigung von einem Festival in Paris ins Label-Büro. Man muss die Fäden eben selbst in die Hand nehmen und einfach machen. Umso größer ist dann die Freude, wenn man selbst miterlebt, wie der Do-It-Yourself-Gedanke funktioniert. Petite Unique und Analogsoul wirken dabei mit ihrem Anspruch auf Einzigartigkeit wunderbar entschleunigend auf die Mechanismen des schnelllebigen Musik-Business. Denn auch Fabian von Analogsoul weiß, dass die kleinen Labels einiges besser können, als die großen:

Wir haben einen direkteren Kontakt zu den Leuten, die das gut finden was wir machen. Wir haben wahrscheinlich ein viel besseres Verhältnis zu unseren Künstlern als das bei großen Labels der Fall ist. Und wir haben den Vorteil, dass alle die daran arbeiten das mit 100% Leidenschaft machen und nicht einen Job erledigen und deswegen kommt am Ende vielleicht etwas Schöneres dabei heraus.