Reingehört: Boards of Canada – Tomorrow’s Harvest

13.06.2013

Selten hat eine Werbekampagne so viel Aufmerksamkeit erregt, wie die für das neue Album von Boards of Canada. Jetzt steht es in den Läden - und wir verraten, ob sich das Warten gelohnt hat.

Michael Sandison und Marcus Eoin haben lange geheim gehalten, dass sie eigentlich Brüder sind. Foto: © Warp Records

Eigentlich begann alles mit einem Aprilscherz. Der britische NME schrieb auf seiner Webseite, dass dieses Jahr wohl ein neues Boards of Canada Album erscheinen wird. Aus dem Scherz wurde nicht mal einen Monat später ernst.

Am Record Store Day wurde in einem Plattenladen eine Schallplatte von Boards of Canada gefunden. Darauf waren knapp eine halbe Minute Musik und eine Zahlenkombination.

Die erste von sechs Zahlenkombinationen und der Beginn einer Schnitzeljagd, die die Hipstergemeinde im Internet auf Trab hielt und am Ende zum lang erwarteten neuen Album der Band führte. Das heißt „Tomorrow’s Harvest“ und das Warten hat sich für Fans von Boards of Canada auf jeden Fall gelohnt.

Mit „Tomorrow’s Harvest“ lassen die beiden Brüder Marcus Eoin und Mike Sandison die warme Strandatmosphäre des Vorgängers hinter sich. Man könnte fast sagen, dunkle Wolken ziehen auf, denn das neue Album klingt überraschend düster.

Ungewohnt klingende Tracks

Im Vorab veröffentlichten „Reach out for the dead“ liegt eine mysteriöse Spannung, wie kurz vor einem Gewitter. Wenn dann, nach dem Intro, Synthesizer und Drum Machine einsetzen, wirkt es fast wie eine Fahrt ins Ungewisse. Und so sehr die einzelnen Instrumente auch nach Boards of Canada klingen, so ungewohnt klingt der Track. Trotz der wieder sehr entspannten Atmosphäre ist da eine unterschwellige Dringlichkeit, die man so noch nicht von der Band kannte. Diese merkwürdige Stimmung zieht sich weiter durch „White Cyclosa“, bis sie schließlich auf „Jaquard Causeway“ abrupt endet.

Aber auch der typische Boards of Canada Sound ist auf dem Album vertreten. „Cold Earth“ ist zum Beispiel so ein Track. Der könnte auch bequem vom Album „Geogaddi“ stammen, das unter Fans als bestes der Band gilt, und für viele den Status eines modernen Klassikers hat.

Nostalgie-Gefühl wie eine alte Videokassette

Wie alle vorhergehenden Alben hat auch „Tomorrow’s Harvest“ wieder ein starkes Nostalgie-Gefühl als Grundstimmung. Wenn Labelkollege Bibio nach Instagram klingt, dann sind Boards of Canada ein verwaschenes altes Foto – oder in diesem Fall eine alte Videokassette. Jüngst haben die beiden Brüder in einem ihrer seltenen Interviews gesagt, dass das neue Album tatsächlich sehr genau so komponiert wurde, dass es nach alter Videokassette klingt.

Und tatsächlich, Synthesizer Arpeggios wie auf „Collapse“ erinnern an die frühen 80er, die ersten VHS Kassetten und die Filme von John Carpenter und Co. Und daran, wie deren Bild- und Tonqualität als das neue Ding abgefeiert wurde, HD und Hi-Fi sind weit davon entfernt. Dafür aber werden Erinnerungen wach: an Videotheken und alte Horrorfilme.

Einzigartiger Sound sinnvoll weiterentwickelt

Insgesamt bleiben sich Boards of Canada auf dem neuen Album treu. Der Vintage-Gedanke, der sich durch alle Alben der Band zieht, ist auch auf „Tomorrow’s Harvest“ wieder sehr präsent. Nur das Vintage diesmal eben nicht mehr heißt, nach 60ern zu klingen, sondern nach späten 70ern und frühen 80ern.

Für Fans ist „Tomorrow’s Harvest“ deswegen ein gelungenes Album. Die unterschwellige Düsternis könnte aber so manch anderen verstören und abschrecken. Auf jeden Fall haben es Boards of Canada geschafft, ihren einzigartigen, oft kopierten, aber nie erreichten Sound, sinnvoll weiterzuentwickeln.