Reingehört: Oneohtrix Point Never – R Plus Seven

17.10.2013

Der Amerikaner Daniel Lopatin zählt zu den einflussreichsten Figuren der elektronischen Musik. Jetzt veröffentlicht er unter dem Namen Oneohtrix Point Never sein neues Album auf Warp Records.

Hinter dem Namen Oneohtrix Point Never verbirgt sich der Amerikaner Daniel Lopatin. Foto: Warp Records

Es fängt ganz schön sakral an, das neue Album von Oneohtrix Point Never. Die ersten Takte des Openers „Boring Angel“ flößen Ehrfurcht ein, und bereiten einen adäquat auf das vor, was da noch kommt. Schon nach einer knappen Minute wird aus „Boring Angel“ ein Stück, das fast so klingt, als hätte es Philip Glass komponiert. Nur nicht ganz so sauber, denn anstatt ein Orchester und sorgfältig programmierte Synthesizer zu benutzen, lebt Lopatin mal wieder seine Vorliebe für billig klingende Presets aus

Falsche Chöre und die Zukunft von gestern

Auf „R Plus Seven“ sind falsche Chöre eines der Hauptelemente. Die wecken Erinnerungen an die Alien-Oper aus dem Film „Das Fünfte Element“. Und an die frühen 90er. Diese nostalgische Stimmung, die Lopatin transportiert war schon immer das Hauptelement seines Projekts Oneohtrix Point Never. Auf seinen ersten Alben klang das noch, wie die Musik zu Werbespots für aufregende neue technische Spielereien, wie den Betamax Recorder.

Seinen Höhepunkt findet die Vergangenheitssehnsucht auf dem Vorgänger Replica, das zum größten Teil aus alten Werbespots zusammengesamplet wurde. Lopatin gilt nicht umsonst als Chronist einer Zukunft, die man uns vor dreißig Jahren versprochen hat.

Mittlerweile liegt diese Zukunft in den 90ern und das hört man dem Album auch an. Auf dem Stück „Americans“ beispielsweise fühlt man sich stark an die Titelmelodie von Akte X erinnert. Nur dass es eben mehr nach klassischer Musik als nach Pop klingt.

Musikalisches Zapping

Überhaupt scheint das Fernsehen sehr wichtig für das Album zu sein. Auf manchen Songs herrscht eine Zapping-Ästhetik. Lopatin springt wild und ohne Vorwarnung von einem Teil zum nächsten.

Trotzdem wirkt das ganze nicht unkoordiniert und ziellos. Lopatin schafft es immer wieder, zum Ausgangspunkt zurückzukehren und die Stücke abzurunden. Manchmal geht er dabei allerdings krass experimentell zu werke. Auf Inside World beispielsweise ist nur stoßweise ein falscher Chor zu hören. Das erinnert dann schon fast an Komponisten wie Karl Heinz Stockhausen, der vor fünfzig Jahren die Klassische Musik umgekrempelt hat.

Daniel Lopatin ist einer der wenigen, die es schaffen, der ganzen Nostalgie, die in der aktuellen Popmusik grassiert, eine eigene Note abzugewinnen. Auf R Plus Seven findet sich immer wieder eine seltsame Melancholie, die sich mit der manchmal düsteren, manchmal euphorischen Stimmung paart. Daraus ergibt sich das Gefühl eines Versprechens, das nicht eingelöst worden ist. Fast kann man etwas Enttäuschung darüber raushören, dass unsere Fernseher jetzt flach sind.