Pop-Duo Rue Royale – “Kein verkitschtes Pärchen-Ding”

06.09.2013

Ruth und Brooklyn Dekker hatten eigentlich nie vor, beruflich zusammen Musik zu machen – Arbeit und Privatleben wollte die beiden lieber sauber getrennt halten. Letztlich haben sie doch vor den Tatsachen kapituliert – die beiden ergänzen sich musikalisch perfekt. Rue Royale nennen die Dekkers ihr Bandprojekt. Jetzt bringen sie ihr drittes gemeinsames Album raus: „Remedies Ahead“.

Brooklyn und Ruth Dekker alias Rue Royale. Foto: PR

Rue Royal - Remedies Ahead

Remedies Ahead

Rue Royal

(Sinnbus, bereits erschienen)

Wenn es nach Brooklyn Dekker gegangen wäre, hätte es Rue Royale vermutlich nie als Band gegeben. Paare, die zusammen Musik machen, erschienen ihm immer ein bisschen suspekt – Liebeslieder von Menschen, die dann auch noch tatsächlich happily ever after zusammenleben? Vielleicht ein bisschen zu viel Klischee.

Ich habe mich immer ein bisschen dagegen gesträubt, weil ich nicht so ein verkitschtes Pärchen-Ding als Band starten wollte. Aber dann haben wir unseren ersten Songs zusammen geschrieben und da war plötzlich dieser magische Moment, in dem das Arrangement und die Harmonien zusammenkamen und wir dachten, wow, hier passiert wirklich etwas Außergewöhnliches. Es gab also nicht direkt eine Entscheidung, zusammenzuarbeiten – es war einfach ganz normal für uns. Es musste passieren!

Glücklicherweise konnte selbst Brooklyn nicht auf Dauer ignorieren, wie gut er und seine Frau auch musikalisch harmonieren. Seit 2006 sind die beiden als Band unterwegs und dem ersten gemeinsamen Song folgte genug Material für mittlerweile drei Alben.

Heilmittel gegen die Angst vor Stillstand

Vom klassischen Lovesong halten Rue Royale sich vorsichtshalber doch fern, auch wenn ihre Stücke zumindest klanglich durchaus hin und wieder eine romantische Richtung einschlagen. Schon der Vorgänger von Remedies Ahead war voll von Texten, die von Selbstzweifeln und einer unbestimmten Unruhe sprachen, das ganze Album Guide To An Escape der Ausdruck einer Suche nach Auswegen aus der Unzufriedenheit in einem eigentlich doch ganz passablen Alltag.

Und auch im Titel des neuen Albums, Remedies Ahead, liegt eine Hoffnung auf die Aussicht auf Besserung, einem Heilmittel eben gegen die Angst vor Stillstand, in künstlerischer Hinsicht genau wie im Leben.

Der Song Set Out To Discover kann durchaus als Manifest verstanden werden. Überhaupt scheint Veränderung für Rue Royale ein Schlüsselkonzept zu sein. Allein die Tatsache, dass Ruth und Brooklyn aus Chicago ins vergleichsweise beschauliche britische Nottingham umgezogen sind, zeigt, wie wichtig ihnen neue Horizonte sind.

Songschreiben als emotionale Achterbahn

Ihre neue Heimat ist Ausgangspunkt für ihre Entdeckungsreisen – zuletzt eine ausgedehnte Tour, bei der die beiden nach eigener Rechnung mehr als 100.000 Meilen zurückgelegt haben. Fast alle neuen Songs sind deshalb auch unterwegs entstanden, in ersten Demos aufgenommen über Brooklyns Telefon bei den Soundchecks.

Es fängt eigentlich immer damit an, dass Brooklyn eine Idee für ein Thema oder eine Melodie hat und das spielt er dann immer wieder. Es ist ein ziemlich anstrengender Prozess, weil er manchmal mit diesen Textfetzen kommt und ich versuche, herauszufinden, was er sagen will und dann eine Geschichte darum herum zu erzählen. Das kann eine relativ angespannte Situation sein, quasi eine emotionale Achterbahn.

Auch wenn der gemeinsame Songwriting-Prozess für Ruth und Brooklyn emotional anstrengend ist, ist es vielleicht gerade dieses Ringen darum, einander zu verstehen, das die Songs auch öffnet für Menschen, die die beiden eben nicht kennen. Dass ihre Musik treue Fans anzieht, wurde Rue Royale beim neuen Album noch einmal sehr deutlich bewusst: Dank Crowdfunding-Unterstützung über die Plattform Kickstarter ist Remedies Ahead nämlich nicht mehr ausschließlich in Heimarbeit entstanden.

Mit dem Geld ihrer Unterstützer konnten Rue Royale sich für zwei Wochen in ein Studio einmieten, wo sie gemeinsam mit ihrem Freund und Produzenten Paul Pilot an Brooklyns Telefon-Demos gearbeitet haben. Oft brauchte es pro Song nur ein oder zwei Takes, bevor er für albumwürdig befunden wurde.

Die beiden Stimmen tragen die Songs

Wir versuchen den Songs Raum zu geben und mehr oder weniger einfach passieren lassen. Meistens gibt es da nur die Melodie und unsere Vorstellung davon, was wir in dem Song gern ausdrücken wollen und daraus ergibt sich dann schon, was wir genau damit machen.

Raum zum Atmen brauchen ihre Songs, finden Rue Royale. Gitarren, Keyboards und Drum Loops kommen deshalb eher dezent zum Einsatz, die Stücke wirken fast schon spartanisch instrumentiert. Es sind die beiden Stimmen, die die Songs tragen.

Wir haben ziemlich schnell festgestellt, dass etwas Besonderes passiert, wenn wir zusammen singen. Es klingt manchmal fast, als wäre es mehr als unsere zwei Stimmen… das hört sich jetzt ein bisschen bizarr an und vielleicht bilden wir uns das auch nur ein. Jedenfalls klingt es toll – und wir hatten Glück, uns zu finden.

Tatsächlich hat das Zusammenspiel der Stimmen von Ruth und Brooklyn eine besondere Qualität, der man sich nur schwer entziehen kann. Trotzdem wirkt das Album insgesamt extrem unaufdringlich, man ist fast überrascht davon, wie sehr sich die Songs trotzdem im Kopf festsetzen.

Remedies Ahead ist eine Platte, die vor allem auch in ihrer Langsamkeit einiges an Geduld abfordert – aber wer bereit ist, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in die Songs von Rue Royale zu investieren, wird dafür auch belohnt: mit vielen feinen Details, die in schnelleren und dichter produzierten Songs wohl eher vorbeirauschen würden. Kombiniert mit einem Stündchen Zeit könnte Remedies Ahead, jetzt wo der Sommer vorbei ist, vielleicht sogar das perfekte Heilmittel sein für herbstlich bedingte Schwermütigkeit.