Reingehört: Sylvan Esso – Sylvan Esso

"Popmusik machen ist wie Drogen herstellen"

12.06.2014

Sylvan Esso sind ein Paradebeispiel dafür, wie Musikblogs eine Band bekannt machen können. Der Hype um das Duo und die Erwartungen an das Debütalbum waren groß. Nun liefern sie die perfekte Platte für einen entspannten Sommerabend.

Sylvan Esso sind Amelia Meath und Nick Sanborn. Die sind keine Anfänger in der Musikbranche. Beide haben ihren musikalischen Ursprung in der Folkmusik. Um Neues auszuprobieren hat Sanborn als Soundbastler und Produzent mit elektronischer Musik experimentiert. Und genau zu diesem Zeitpunkt ist Meath auf ihn aufmerksam geworden. Sie wollte, dass Sanborn einen Remix ihres Liedes „Play It Right“ produziert. Die Früchte dieser Zusammenarbeit waren so harmonisch, dass die beiden sich nicht auf einen Song beschränken wollten. „Play It Right“ ist jetzt ein Teil des selbstbetitelten Debütalbums von Sylvan Esso.

Doch zwischen dem ersten Treffen und der fertigen gemeinsamen Platte lag eine lange Zeit. Als vielbeschäftigte Künstler haben die Beiden ihre Musik per E-Mail besprochen.

Nick Sanborn: Wenn man per Email kommuniziert, hat man auf jeden Fall mehr Zeit, seine Gedanken zu sammeln, bevor man dem anderen antwortet. Aber ich glaube nicht, dass die Veränderung unserer Arbeitsweise das Ergebnis maßgeblich beeinflusst hat.Der Arbeitsprozess hat sich einfach nur beschleunigt.

Pop ist keine Schande

Das Album ist eine Pop-Platte, die sich Ausflüge in elektronische Bereiche erlaubt. Und Sylvan Esso stehen dazu.

Nick Sanborn: Wir wollten Popmusik machen, die allerdings inhaltlich nicht so eindimensional funktioniert, wie man das gemeinhin gewohnt ist. Es sollte darum gehen, dass es nicht immer leicht ist, sich als Mensch im Leben zurechtzufinden. (…) Und es ist toll, dass es nicht so simpel ist. Das Leben hat wesentlich mehr zu bieten. Darum ging es uns in erster Linie.

Sylvan Esso haben sich vorgenommen, eine interessante Platte aufzunehmen. Doch vor allem sollte sie greifbar und eingängig sein.

Amelia Meath: Popmusik zu produzieren ist in gewisser Weise wie Drogen herstellen. Man erschafft etwas, was die Leute nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Etwas, worüber sie den ganzen Tag nachdenken.

Die Ohrwurmqualität der Songs merkt man vor allem an dem reduzierten und repetitiven Charakter in Liedern wie „H.S.K.T.“ oder „Dress“.

Weniger ist mehr

Während das Album einen relativ abwechslungsreichen Verlauf hat, sind die einzelnen Lieder eher einfach aufgebaut. Das wäre im Interesse der Songs, dass sie nicht überladen sind und sich auf das Wesentliche konzentrieren, erklärt Sanborn. Auch wenn man intuitiv eher umgekehrt handeln würde.

Nick Sanborn: Es ist so, dass die natürliche Reaktion auf das Gefühl, ein Song sei noch nicht fertig, das Hinzufügen weiterer Elemente ist. Während der Arbeit an unserem Album fiel uns allerdings auf, das in den meisten Fällen, das Weglassen von bestimmten Elementen wesentlich eher zum Ziel führt. Je weniger üppig ein Stück instrumentiert war, desto mehr dominierte in unseren Ohren der eigentliche Song über den bloßen Klang. Wir wollten im Interesse der Stücke handeln, anstatt nur einen besonderen Klang zu produzieren.

Die elektronischen Songs funktionieren besser

Sylvan Esso scheinen ihren Sound genau durchdacht zu haben. Denn auf ihrer Debütplatte haben sie nichts dem Zufall überlassen. Dem Album fehlt dadurch leider ein bisschen Spontanität. Es wirkt vorhersehbar. Man wünscht sich, Sylvan Esso wären mehr Risiko eingegangen. Manchmal könnten sie den wummernden Bass, wie bei „Hey Mami“ heftiger einsetzen und das Tempo aufdrehen. So, dass man auf der Tanzfläche bleibt. Denn obwohl sich Sylvan Esso Pop auf die Fahne geschrieben haben, gelingen ihnen die elektronischen Songs besser.

Ihr Debütalbum ist aber nicht wirklich für die Tanzfläche gemacht. Viel mehr ist die Platte für einen auskühlenden Sommerabend geeignet. Den Tag ausklingen lassen und für eine lange Tanznacht einstimmen – das funktioniert mit Sylvan Esso wunderbar. Und wenn man mehr braucht, bricht man eben auf oder legt eine andere Platte auf.