Rezension: The Naked And Famous – Passive Me, Agressive You

29.03.2011

Genre-Schubladen scheinen in der Welt von The Naked And Famous nicht zu existieren. Die Welt steht Kopf in Neuseeland, der Heimat der Band, und unsereins muss den Handstand mitmachen um ein großes Werk zeitgenössischer Popmusik zu entdecken.

The Naked and Famous - Passive Me, Agressive You

Passive Me, Agressive You

The Naked and Famous

(Fiction / Universal, bereits erschienen)

Passive Me, Agressive You beginnt wie viele Platten dieser Tage. Ein 80er Jahre Beat aus dem Drumcomputer, halliger Gesang, so weit, so wenig spektakulär. Ein catchy Refrain und die gut abgestimmten Gesangsstimmen von Thom und Alisa, machen den Opener All Of This zu einem guten Song, aber er reiht sich ein in zeitgenössische Popmusik unter dem Stern des 80s Revival. Punching In A Dream schlägt in die selbe Kerbe, ist dabei aber um einiges tanzbarer und noch eine Spur eingängiger. Das Prädikat „Hit“ kann man an dieser Stelle das erste mal vergeben.

Erst danach zeigt sich das ganze Ausmaß an Qualität und Vielfalt, das in dieser Platte steckt. Die folgenden Songs Frayed und The Sun wenden sich um 180 Grad. Tanzbare Beats weichen komplexen Loops. Unweigerlich schießen einem die großen Namen des britischen Trip Hop in den Kopf. Mit jedem Song verfängt man sich mehr in den Gitarrensaiten und Midikabeln von The Naked and Famous.

Die Platte packt jeden Hörer bei den Schultern und dreht ihn im Kreis, bis alle Genregrenzen in einem Kaleidoskop von Sounds verschwimmen. Erst No Way lässt wieder Luft zum Atmen. Eine einzelne gezupfte Gitarre und der klare Gesang von Alisa Xayalith lässt den Song wie das Auge des Sturms erscheinen. Bis es nur eine Minute später wieder mit Windstärke 10 aus den Lautsprechern stürmt. Der Song gerät in ein Auf und Ab aus Chaos und Kontrolle, Tag und Nacht, oder, im Sinne des Albumtitels: Passivität und Aggressivität.

Bis zum Ende des Albums lassen The Nakede And Famous ein Genre nach dem anderen zerplatzen wie Seifenblasen. Mit beeindruckendem Geschick folgt das Album dabei seiner eigenen Dramaturgie und pendelt zwischen Discokugel und ewiger Winternacht. Erst im allerletzten Moment findet Passive Me, Aggressive You zur Normalität zurück. Der letzte Song Girls Like You kommt über eine scheinbar gewönliche Hymne mit griffigem Refrain und rockigem Schlagzeug nicht hinaus.Wie ein Moment zum durchatmen bietet der Song vertraute Klänge, bevor der letzte Akkord ausklingt und den Synthesizern langsam der Strom abgedreht wird.

Die Platte grätscht in atemberaubendem Tempo zwischen den Strömungen zeitgenössischer Musik hin und her. Postrock hat keine Angst mehr vor Synthie Pop und Trip Hop wirft sich in die Arme des Stadion Rock. Die wahre Qualität des Albums liegt dabei in der Harmonie mit der all diese Einzelspieler zu einem Team zusammengefügt werden. Jeder Song steht gleichzeitig im Scheinwerferlicht und zieht doch am selben Strang wie der Rest der Platte. Und über die Single Young Blood ist dabei noch nicht ein einziges Wort verloren.