How To Dress Well: R&B statt Philosophie

14.09.2012

How To Dress Well ist das Projekt von Tom Krell aus Chicago. Seine Musik könnte man als souligen, experimentellen R’n’B bezeichen. Mit seinem ersten Album "Love Remains“ hat er letztes Jahr für Furore gesorgt, nun kommt der Nachfolger "Total Loss". Wir haben mit Krell über Verlust, Pop und Beyoncé gesprochen.


Zuerst denkt man an das Rauschen des Meeres, doch es sind die Wagons eines Zuges, die über die Gleise rattern. Das sind die ersten Töne auf Total Loss, dem zweiten Album von How To Dress Well. Tom Krell, der Mann dahinter, nimmt seine Hörer mit auf die Reise, die er auf seinem Album antritt. Recht plakativ, aber dennoch schlüssig. Denn Total Loss ist ein sehr persönliches Album. Krell verarbeitet darauf den Verlust seines besten Freundes und seines Onkels. Das Album half ihm dabei, nicht in der Depression zu versinken. Verlust war auch in früheren Songs von How To Dress Well das große Thema, aber das soll nicht so bleiben:

Ich werde nicht für immer nur über Verlust schreiben, aber mich haben schon immer Motive interessiert, die ich „existenziell“ und „spirituell“ nennen würde. Also so was wie Liebe und Verlust, Weltlichkeit, Schmerz, Wehmut, Hoffnung. Das sind Themen die How To Dress Well ausmachen. Es ist nicht so dass ich mich hinsetze und frage: „Über was schreibe ich heute?

Krell sind experimentelle und spirituelle Motive wichtig: Schmerz, Wehmut, aber auch Liebe und Hoffnung. Das Interesse für diese Themen kommt nicht von ungefähr, Tom Krell schreibt seit einiger Zeit an seiner Doktorarbeit in Philosophie. Dass er damit nur schleppend vorankommt liegt auf der Hand, seit dem Erfolg seiner ersten Platte Love Remains ist er ein gefragter Mann, vom Erfolg blenden oder sich in seine Musik reinreden lässt er sich trotzdem nicht:

Ich habe „Total Loss“ aufgenommen noch bevor ich einen Plattendeal hatte. Mein Manager hat es dann rausgeschickt und eine Anzahl von Labels ist darauf angesprungen und war interessiert. Da wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Domino Records weiß, was ich versuche mit meiner Musik zu erreichen und die wollen, dass ich es genauso mache.
Manchmal gehe ich zu dem Typen, der auch der Production Manager von Total Loss war, mit der Frage ob ich nicht tanzbarere Musik machen sollte oder mal einen Song fürs Radio. Aber die Antwort ist immer: „Denk nicht mal dran!“

How To Dress Well brennt für seine Musik, brennt für seine Botschaft. Das ist schon lange nicht mehr üblich in der Branche. Für den schnellen Erfolg und die Chance auf das große Rampenlicht wirft man schnell mal seine Ideale über Bord, egal ob Major- oder Indie-Label. Auch How To Dress Well reizt der Erfolg, doch Krell macht keine Kompromisse:

Ich sehne mich danach, Erfolg zu haben. Ich will, dass die Leute meine Musik lieben. Ich will Musik machen, um in ihnen etwas zu bewegen. Aber ich spüre keinen Druck vom Label oder so, eher spüre ich den Druck in mir selbst, ob das was ich mache auch wirklich echt ist. Ich will, dass die Leute genauso so stolz auf das Album sind wie ich es bin.

Total Loss zelebriert den großen Moment, so sehr, dass es fast im Kitsch endet. Das Album wird begleitet von einem ständigen, bedrohlichen Rauschen. In der einen Sekunde noch überschwänglicher Pathos, in der nächsten übersteuertes Schluchzen. Tom Krell klagt an, ringt um Fassung, fleht, fragt und dankt. Kurz: Er leidet. Und das so schön anstrengend überzogen, wie man es sonst nur von dem kleinen Hund kennt, der draußen vorm Supermarkt auf sein Herrchen wartet. Krell schafft einen angenehmen, neuen Spagat zwischen Pop-Melodien und Experimental-Klängen. Egal welches Genre, ihm kommt es auf das Innere an:

Ich stehe auf Pop, aber eher von Sängern und Sängerinnen mit Soul. Wenn du mit Pop beides meinst, also Rihanna und Tracy Chapman oder Babyface und Antony And The Johnsons. Ich höre nicht die Black Eyed Peas. Das verstehen die Leute ja oft unter Popmusik.

Trotzdem oder gerade deswegen würde How To Dress Well gerne Songs für Stars wie Beyoncé schreiben:

Darauf wäre ich total scharf, aber die Leute dahinter müssten wissen, was ich für Musik mache. Die müssten sich auf meine emotional aufgeladenen Melodien und sentimentalen, melodramatischen Songs einlassen. Aber bei Beyoncé würde das ja passen, sie hat solche Songs. Das wäre echt ein Traum.

Obwohl Total Loss durch und durch seinem Namen alle Ehre macht, ist es keine traurige Platte. Vielmehr schließt Tom Krell Frieden mit einem Abschnitt seines Lebens. In der Philosophie fehlt ihm noch die Promotion. In der Musik ist ihm die Abschlussarbeit aber grandios gelungen.