Saitenwechsel | Das Gewandhausorchester in Asien – Teil 2

Frenetischer Jubel und Mitschnitt-Mentalität

19.03.2014

Acht Konzerte in anderthalb Wochen auf einem fernen Kontinent. Das Gewandhausorchester tourt gerade durch Asien. Doch wie muss man sich das Tourleben in Japan und China vorstellen? Und was unterscheidet das asiatische Konzertpublikum vom europäischen? Zeit für einen Saitenwechsel.

Ausblick vom Hotelzimmer in Shanghai. Viele Musiker üben in der freien Zeit im Hotel. Foto: Gewandhaus

34052Saitenwechsel | detektor.fm entdeckt Klassik wird präsentiert vom Gewandhaus zu Leipzig 

Acht Konzerte in anderthalb Wochen auf einem fernen Kontinent. Das Gewandhausorchester tourt gerade durch Asien. Doch wie muss man sich das Tourleben vorstellen? Und wie unterscheidet sich das asiatische Konzertpublikum vom europäischen? Schlagzeuger Wolfram Holl sagt: ganz offensichtlich sind erst einmal die rein äußerlichen Unterschiede.

Man sitzt vor einem Riesenpublikum und alle haben schwarze Haare. Das ist doch wirklich was ganz besonderes.

Manfred Ludwig spielt Querflöte und auch ihm ist da was aufgefallen: im Publikum sitzen viele Leute mit Mundschutz.

Soweit ich weiß, ziehen sich die Japaner den Mundschutz an, wenn sie selber krank sind, um andere nicht anzustecken und weniger, wie man vielleicht immer so denkt, um sich vor dem Smog zu schützen. Auf der Straße ist das weniger befremdlich als im Konzertsaal. Wahrscheinlich weil die Leute natürlich ruhig sitzen und aufmerksam gucken. Und dann dieser Mundschutz. Das sieht schon ein bisschen spooky aus.

Mitschnitt-Mentalität

Doch nicht nur äußerlich gibt’s Unterschiede. Auch die Konzertmentalität ist in Japan und China eine andere als in Europa.

spielt Querflöte im GewandhausorchesterIn Shanghai gab es vor dem Konzert Ansagen auf Chinesisch und Englisch: Bitte verhalten Sie sich ruhig, schalten Sie Ihre Handys aus und verlassen sie das Konzert bitte nicht vor Ende des Stückes. Auch schon so in einem Befehlston formuliert.Manfred Ludwigspielt Querflöte im Gewandhausorchester 

Das mag seine Gründe haben. Denn tatsächlich, bestätigt mir Wolfram Holl, haben die asiatischen Konzertgänger einen sehr unkonventionellen Umgang mit den Medien.

Es werden ganz ungeniert Fotos gemacht während des Konzertes und man kann sehr deutlich hören: da klicken auch die Aufnahmetasten von den Mitschneidegeräten. Also das erste Konzert in Shanghai wurde zwei Meter hinter mir von der ersten bis zur letzten Minute mitgeschnitten.

Frenetischer Jubel nach dem Schlussakkord

Hat man sich aber einmal an den etwas anderen Anblick und die Mentalität gewöhnt, bleiben vor allem die Reaktionen der Konzertbesucher hängen.

Die Leute sind sehr lebendig, die geben sich sehr ungezwungen. Die Reaktionen gleich nach dem Schlussakkord waren doch wirklich frenetisch und es wurde laut gejubelt.

Kaum war der letzte Ton im Mahler verklungen – also ich glaube, die haben sich das wirklich vorher angehört und gelernt wann der Mahler vorbei ist – es war quasi noch nicht zu Ende gespielt, da haben sie schon Bravo gerufen und sind aufgesprungen und haben geklatscht. Eine total euphorische Reaktion, die ich so eigentlich nicht erwartet hätte.

Mit Jetlag in den Konzertsaal

Das Tourleben als Orchestermusiker – ich stell’s mir ganz angenehm vor. Man kommt viel rum, lernt Land und Leute kennen und hat mit seinen Mitmusikern eine gute Zeit. Tatsächlich heißt das aber auch: sich Abend für Abend auf einen neuen, ungewohnten Konzertsaal einstellen. Viel Zeit in Hotels, Bussen und Flugzeugen verbringen. Und nach einem 9000-Kilometer-Flug muss man auch erst mal mit dem Jetlag klarkommen.

Unmittelbar vor dem Konzert hatte ich einen totalen Müdigkeitsflash. Das war diese halbe Stunde zwischen Anspielprobe und Konzert. Klar, dann sitzt man ruhig und versucht sich irgendwie zu konzentrieren. Dein Körper merkt: Oh, jetzt kann ich zur Ruhe kommen, weil ich bin eigentlich total müde. Aber wenn man dann auf die Bühne geht, kommt auch das Adrenalin und die Konzertsituation. Dann geht das. Nach dem Konzert kommt dieser kleine Absacker, wenn man sich so lange konzentriert hat. Und der is wirklich krass. Im Bus haben ein paar Kollegen auf dem Weg zum Hotel geschlafen.

Im Hotel nutzen viele Musiker die Zeit zum Proben. Durch die Zimmertüren dringen dann allerhand Geigen- und Bläsertöne auf die Hotelflure. Doch wie machen das eigentlich Schlagzeuger wie Wolfram Holl?

Schlagzeuger beim GewandhausorchesterDie nehmen sich sogenannte Practice Pads mit. Das muss man sich vorstellen wie ein moderneres Kissen. Da kann man sich mit den Schlägeln grob etwas fit halten. Ein Bläser hat das Problem, dass er sich täglich mit normalen Routineübungen fit halten muss. Wenn der mal einen Tag wirklich nicht gespielt hat, dann hat er am nächsten Tag große Probleme.Wolfram HollSchlagzeuger beim Gewandhausorchester 

Papa soll wieder nach Hause kommen

Ein Wellness-Urlaub ist so eine Tour also keineswegs. Die wenigen freien Tagen nutzen viele Musiker aber für Ausflüge. Und auch die Daheimgebliebenen können dank Tourblog und Videochat ein bisschen am Tourleben teilhaben.

Meine Frau liest den Tourblog. Mit der großen Tochter, die ist 19, hab ich schon Videochat gemacht. Ich hab ihr per Video das Hotelzimmer gezeigt und draußen die Straßen. Und meine kleiner Sohn, der ist 3, mit dem hab ich gerade eben telefoniert und der kann das überhaupt nicht verstehen. Der sagt immer: Papa, jetzt ist’s mal genug mit China! Du sollst wieder nach Hause kommen.