Stornoway – Zwischen Rückzug und Ausbrechen

25.04.2013

Trotz Elite-Uni gehört Oxford ja eher zu den verschlafenen britischen Kleinstädten. Für junge Menschen ist Oxford deshalb eher Durchgangsstation, für die Band Stornoway allerdings ganz bewusst gewähltes Zuhause. Ihre Musik ist vielleicht gerade deswegen ein bisschen hin- und hergerissen zwischen Angekommensein und Fernweh.

Sind angekommen und haben doch Fernweh - Stornoway (Foro: PR)

Stornoway - Tales From Terra Firma

Tales From Terra Firma

Stornoway

(4AD, bereits erschienen)

Tales from Terra Firma heißt das neueste Werk von Stornoway und der Titel verrät durchaus eine heimliche Sehnsucht des Quartetts: eine neue, oder zumindest andere Welt zu entdecken, und sich ein bisschen als Abenteurer zu fühlen. Auf Tour lässt sich diese Art von modernem Entdeckertum ja bestens ausleben, aber nach jeder Tour kommt eben auch wieder die Rückkehr ins beschauliche Oxford. Genau dort sind die meisten Songs für das neue Album entstanden – weit weg vom Meer und in sehr gezähmter Umgebung, sagt Jon Ouin von Stornoway.

Oxford ist ja klassisches Binnenland, aber auf dem Album gibt es lauter Bezüge zur Küste und zur Wildnis. Oxford dagegen ist kein bisschen wild. Da ist also ein gewisser Eskapismus, eine Sehnsucht nach einer Verbindung zur großen weiten Welt und nach Raum, die aus einer relativ klaustrophobischen Situation heraus entsteht.

Wenn Sänger Brian Briggs an neuen Songs arbeitet, igelt er sich in einem Wohnmobil ein – das ganz entgegen dem Drang der Band in die Ferne seit Jahren nicht mehr von seinem angestammten Platz wegbewegt wurde.

Der Gegensatz zwischen Rückzug und Ausbrechen findet sich dann auch auf der Platte wieder. Jon erzählt, dass die Grundidee für Tales from Terra Firma war, einen Entdecker auf seinen Reisen in fremde Gegenden zu begleiten und über die Songs einen Blick in dessen Tagebuch zu werfen. Trotzdem erscheinen die Texte an vielen Stellen doch eher wie Blick nach innen, in die Gedankenwelt von Sänger Brian. Allerdings seien die Themen so universell, sagt Jon Ouin, dass sie auch für Außenstehende zugänglich sein sollten.

Es ist eine Art Fenster ins Innenleben eines Menschen. Aber ich denke, dass die Themen in den Texten trotzdem eine universelle Gültigkeit haben. Es sind Dinge, die jedem passieren und in denen man sich wiedererkennen kann.

Auch musikalisch gesehen ist Stornoway eine Band, deren Grundverständnis viel mit Entdeckergeist zu tun hat. Schon ihr Debütalbum Beachcomber’s Windowsill glänzte mit einer Rekordanzahl verschiedenster Instrumente, die meisten davon so obskur, dass nicht mal die erklärten Multiinstrumentalisten bei Stornoway, Jon Ouin und Oli Steadman, immer ganz sicher sind, woher ihre diversen Klangquellen eigentlich stammen.

Da ist einmal das Qanun, aus Kleinasien – oder war es die Türkei? (Oli Steadman)

Dann sind diverse Varianten der Zither zu hören, es gibt ein Cembalo und sogar die Klarinette, was für uns wirklich exotisch ist, weil wir normalerweise keine Holzblasintrumente einsetzen. Es ist schon eine bunte Mischung aus abstrusen Dingen. (Ouin)

Dazu kommen aber immer noch diverse Gegenstände, von denen man nicht unbedingt viel klangliches Potential erwarten würde. Auf Tour sieht man Schlagzeuger Rob Steadman derzeit mit Axt und Holzklotz auf die Bühne steigen, Trompeter Adam Briggs wechselt bisweilen auch mal zur Säge. Trotzdem ist dabei nicht die Hauptambition, die größtmögliche Anzahl an Sounds aus obskuren Objekten herauszulocken – es steckt immer auch die Suche nach einer besonderen Klangfarbe für einen Song dahinter.

Es ist doch schön, wenn man für ein Album ein breites Spektrum zur Auswahl hat und sich erstmal keine Gedanken macht, was akzeptabel oder „normal“ ist. Wir hatten gute Gründe für jedes dieser Instrumente. (Ouin)

Jedes Klangexperiment hat also seine Berechtigung bei Stornoway, das jedenfalls bestätigen Jon und Oli mit voller Überzeugung. Schwerer fällt es ihnen dann schon, ihren speziellen Genre-Mix in einen Satz zu fassen – nicht ganz Folk, nicht ganz Soul, nicht ganz irgendwas anderes. Aber wenn es einen Song gäbe, der alles in sich vereint, was bei Stornoway wichtig ist – und hier sind die beiden sich auch wieder ganz einig – dann sei das entweder Hook, Line, Sinker oder The Great Procrastinator.

Grade diese Songs haben rhythmisch und harmonisch gesehen Elemente, mit denen wir alle aufgewachsen sind. An diesen Songs hört man sehr gut, welche Art von Musik wir versuchen zu machen – diese seltsame Mischung aus Folk, Soul und allen möglichen Dingen. (Steadman)

Wie auch immer man das Ergebnis letztlich nennen will, mit ihrem beeindruckenden Sammelsurium an Instrumenten ist es für Stornoway schlicht unmöglich, einfach ein Standardprogramm abzuspielen. Und egal ob man Stornoway live erlebt oder sich Tales From Terra Firma in der Albumfassung gönnt: diese Entdeckung lohnt sich.