The Vaccines: “Wir müssen noch rausfinden, wer wir sind”

30.10.2012

Ihr erstes Album „What Did You Expect From The Vaccines“ wurde letztes Jahr als “Rettung der britischen Rockmusik” gefeiert – mehr als hohe Erwartungen an vier junge Männer aus London. Mit ihrem aktuellen Album „Come of Age“ sind The Vaccines gerade auf Europa-Tour. Wir haben mit der Band gesprochen – unter anderem über die Frage, wie man trotz Erwartungsdruck seinen eigenen Weg findet.

The Vaccines  - Come Of Age

Come Of Age

The Vaccines

(Columbia, bereits erschienen)

Wer sein zweites Album Come of Age nennt, provoziert geradezu die Frage danach, ob die Platte eine Art Unabhängigkeitserklärung ist. Immerhin ist sie nicht viel mehr als ein Jahr nach dem Debüt der Vaccines erschienen – eine verdammt kurze Zeit eigentlich. Sänger Justin Young und Gitarrist Freddie Cowan kommen der unausgesprochenen Frage, ob da ein bisschen Druck von der Plattenfirma im Spiel war, zuvor – nein, sie hätten einfach so viel gutes Material gehabt, dass es nur logisch gewesen sei, es direkt auf neues ein Album zu packen. Allerdings sei Come of Age tatsächlich eine Platte, mit der sie ausloten wollten, wofür genau The Vaccines eigentlich stehen.

Wir müssen erst noch herausfinden, wer wir sind. Deshalb ist es ein Album, das sehr davon geprägt ist, dass wir auf der Suche nach unserer Stimme sind oder danach, was uns herausstechen lässt. Es wäre toll, wenn in 10 oder 15 Jahren andere Bands mit uns verglichen werden statt umgekehrt. Im Moment suchen wir also unseren Platz in der Rock-Landschaft und versuchen, die besten Songs zu schreiben, die wir schreiben können.

The Vaccines sind durchaus ambitioniert – schließlich sagt nicht jeder so offen wie Justin Young, dass er irgendwann gern selbst Vorbild für andere Musiker sein will. Es ist ein Selbstbewusstsein, das erst langsam gewachsen ist – obwohl The Vaccines von Anfang ihrer Bandkarriere an viel Rückendeckung durch die britische Musikpresse hatten. Zane Lowe beispielsweise, einer der bekanntesten Moderatoren bei BBC Radio 1, hat mittlerweile schon diverse Singles der Band in seine Liste der „heißesten Platten“ aufgenommen. Für diese Art von Unterstützung ist Justin Young sehr dankbar. Allerdings, sagt er, hat der Hype natürlich nicht immer nur Vorteile.

Man ist in einer Position, wo Leute dir zuhören – auf das was du zu sagen hast, aber auch die Musik, die man spielt. Andererseits erhöht es die Erwartungen und es wird dann auch viel Unsinn über dich erzählt. Wir waren jedenfalls nie wirklich so gut, wie viele das über uns gesagt haben. Aber wir waren auch wieder nicht so schlecht, wie das andere behauptet haben.

„Wir sind eine gute neue Band“, soviel steht fest für Justin Young. Und die Möglichkeiten, die den Vaccines dank des Erfolgs ihrer ersten Platte offenstehen, weiß er zu schätzen. Wer kann schon so einfach die Welt bereisen und seine Musik live vor einem Publikum spielen, das jedes Wort mitsingen kann? Young und seine Bandkollegen waren viel unterwegs im vergangenen Jahr – unter anderem deshalb sind viele Songs des neuen Albums im Tourbus entstanden. An Inspiration mangelte es jedenfalls nicht, sagt er.

Wir werden oft gefragt, wie wir auf Tour überhaupt Songs schreiben können, es sei doch sicher langweilig und steril, ständig nur im Bus oder backstage. Aber es ist doch total aufregend, wenn man im Hotel 30 Stockwerke über einer Stadt steht, von der man nie gedacht hätte, dass man sie jemals zu sehen bekommt. Und dann spielst du auch noch Konzerte für Leute, die deine Musik kennen und mögen, das ist unglaublich inspirierend. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass es eine „Tourplatte“ geworden ist – wir waren eben nur zufällig auf Tour, als sie entstanden ist.

Auf Tour zu sein ist für Justin Young also kein Grund, mit dem Songschreiben zu pausieren – im Gegenteil, das Unterwegssein bringt jede Menge neue Ideen mit sich. Anders als beim Debüt What did you expect from The Vaccines war die Zusammenarbeit untereinander diesmal intensiver, die Band hat häufiger gemeinsam an Songs gearbeitet.

Normalerweise ist es bei uns so, das jemand eine fertige Songidee mitbringt, aber diesmal waren alle etwas offener dafür, etwas mehr herumzuexperimentieren. Wir haben eher in der Gruppe gearbeitet und uns gegenseitig dazu ermutigt, unsere Ideen umzusetzen.

Ob sie bei Album Nummer Drei auch so vorgehen, da wollen sich The Vaccines noch nicht festlegen. Zumindest stehen die Chancen gut, dass sie bald schon wieder neue Songs schreiben – immerhin sind sie bis Februar fast ununterbrochen auf Tour in Europa, Australien und den USA. Viele Städte, viele Hotelzimmer – und hoffentlich viele inspirierende Momente.