Westbam: “Ich habe mich nie an die Werte einer Szene gehalten”

02.05.2013

Ob jung oder alt, der Name Westbam sagt jedem etwas. Er hat die Begriffe Techno und Loveparade geprägt. Nach 30 Jahren im Geschäft bringt Westbam nun ein neues Album raus. Auf dem vereint er die halbe Musikwelt. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Das Kürzel Westbam steht für Westfalia Bambataa. (Foto: Andrea Stappert)

Wie damals in den späten Neunzigern, zu Zeiten von Beatbox Rocker öffnet Westbam seine Arme. Diesmal auf dem Cover seines neuen Albums, Götterstraße. Der Technopapst ruft wieder seine Jünger. Sein neues Album protzt nicht nur mit dem Cover, sondern auch mit allerhand Gaststars. Und ganz nebenbei feiert Westbam damit auch sein 30-Jähriges Bühnenjubiläum. Westbams früher Punksozialisierung ist es zu verdanken, dass sich auf Götterstraße Leute wie Bernard Sumner von New Order, Hugh Cornwell von den Stranglers und Iggy Pop das Mikro in die Hand geben.

Götterstraße ist aber kein Altherrenstammtisch. Größen wie Brian Molko, Lil Wayne und Kanye West sollen auch die jüngeren Hörer abholen. Jene, die vor 20 Jahren noch nicht an der Siegessäule raven konnten, weil sie da noch in den Windeln lagen. Es ist also nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Westbam mit so einer Armada von Gastsängern eine möglichst große Aufmerksamkeit auf sich ziehen möchte. Auch wenn seine eigene Sicht der Dinge eine andere ist.

Wir haben erst Tracks geschrieben und dann überlegt, wer für jeden Track etwas Besonderes bringen könnte. Aber nicht im Sinne von: „Wer passt besonders gut.“ Stattdessen haben wir eher jemanden gesucht, der eine entsprechende Wende in jeden Song bringen kann. Das beste Beispiel dafür ist Richard Butler. Das Stück (You Need The Drugs) ist schon sehr schön getragen und stringig. Da möchte ich keine Belcanto-Stimme dazu. Mir fielen dann die Pychedelic Furs ein und so ist auch der Rest des Line-Ups entstanden.

Westbam geht seinen eigenen Weg

In dem Song You Need The Drugs verurteilt Westbam nicht, genauso wenig verherrlicht er. Maximilian Lenz, so Westbam bürgerlich, beschreibt schlicht eine Szene, zu der er selbst nur noch teilweise gehört. Westbam legt nicht in angesagten Berliner Clubs wie dem Watergate auf. Genauso wenig spielt er im Kater Holzig oder dem Berghain. Clubs, in denen die Party Sonntagabend erst so richtig beginnt. Sein Sound ist da nicht gefragt.

Westbam wird heute vor allem in Osteuropa und Russland als DJ gefeiert. Von einem Publikum, das nicht nach politischen Inhalten im Techno sucht, sondern ein Publikum, das einfach nur feiern will. Und damit eckt er an, nicht erst seit gestern:

Ich bin von Natur aus schon immer individualistischer gewesen. Das macht den Leuten am meisten zu schaffen mit mir, glaube ich. Schon immer war ich antiautoritär. Für die Leute war es ja damals schon Verrat, als ich DJs promotet habe. Ich habe mich nie an Werte einer Gruppe oder einer Szene gehalten.

Der Blick zurück

Westbam ist jetzt 48 und es schert ihn schon lange nicht mehr, was andere über ihn denken. Das macht ihn zu einem ehrlicheren Musiker als viele seiner Produzentenkollegen, die ihn heimlich belächeln. Vor allem weil er es schon lange nicht mehr nötig hat, irgendwem etwas zu beweisen.

Spielend schafft er es auf Götterstraße wieder mit den Emotionen des Hörers zu spielen. Vor Jahren schon hat das funktioniert: Mit Songs wie Love Bass oder zusammen mit Nena in Oldschool Baby. Und auch heute weiß er bestens, die Strings richtig einzusetzen. Und dabei spielt nicht nur Erfahrung eine Rolle:

Melancholie hat immer mit vergangener Zeit zu tun. Und dem Gefühl für die gesamte Zeit. Für einen kurzen Moment kannst du dir diese Zeit zurückholen, mit einem Track oder einer Melodie. Aber du weißt auch, dass du da nie wieder hinkommen wirst. Leider. Ich liebe die Zeit, in der ich jetzt lebe, aber ich liebe auch die Vergangenheit und hole mir die immer gerne mal wieder zurück.

Bestens illustriert wird dieses Gefühl von dem Video zur Single You Need The Drugs. Ein Gefühl, das für das ganze Album spricht. Darin sind Original-Aufnahmen alter Videos der Technoszene Berlins in den frühen Neunzigern zu sehen.

Die Leute die das Video geschnitten haben fragten: „Wer ist diese blonde Frau?“ Ich erinnerte mich: „Ist das nicht die Freundin von Fetisch gewesen? Stimmt, das ist sie! Und daneben ist das nicht Fetisch? Ach ja, da ist er ja!Ich möchte diese Momente nicht sentimental überhöhen, aber es sind trotzdem schöne Lebensmomente. Man hört ein altes Lied und fühlt sich direkt zurückversetzt. Leider funktioniert dieser Zauber meist nur ein, zweimal. Wenn du das aber öfters machst, wird das mit jetzigen Erfahrungen überschrieben und der Zauber funktioniert nicht mehr.