Afghanistan zwischen Taliban und IS

"Sichere Gebiete" im unsicheren Land?

18.02.2016

In Afghanistan gibt es auch sichere Gebiete, versichert Innenminister Thomas de Maizière. Geflüchtete Afghanen in Deutschland sollen nach dem Willen des Innenministers deswegen heimkehren. Dabei hat die Zahl der in Afghanistan getöteten oder verletzten Zivilisten 2015 einen neuen Höchststand erreicht. Wie sicher ist das Land?

Knapp 11.000 Zivilisten sind im vergangenen Jahr in Afghanistan durch Gewalt und Waffen verletzt oder getötet worden. Hunderttausende Afghanen sind deswegen auf der Flucht. 2015 sind 150.000 von ihnen nach Deutschland gekommen. Nach den geflüchteten Syrern sind Afghanen momentan die zweitgrößte Gruppe unter den Flüchtlingen.

Doch der deutsche Innenminister Thomas de Maizière ist überzeugt davon, dass die meisten von ihnen wieder heimkehren können, schließlich gebe es auch sichere Gebiete. Sein Vorschlag trifft jedoch auf harte Kritik.

Sicherheit in Afghanistan

Das Leben in Afghanistan ist gefährlich, selbst Diplomaten leben dort nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Nachdem die Taliban das wichtigste Stromnetz nahe Kabul lahmgelegt haben, rückt der Konflikt erneut näher an die afghanische Hauptstadt heran. Knapp 30 schwere Anschläge hat es im vergangenen Jahr allein in Kabul gegeben.

Auch in den großen Städten hat man eine Zunahme an Kriminalität und Gewalt. Auch das sind Orte, wo mir nicht deutlich wird, dass sie sicherer sein sollen als Städte wie beispielsweise Bagdad im Irak. – Conrad Schetter, Afghanistan-Experte am Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn

Helmand als neuer Schlüsselkonflikt

Der Kampf um die südafghanische Provinz Helmand erfordert erneut internationale Hilfe. Nachdem der Einsatz der US-Streitkräfte 2014 für beendet erklärt worden ist, will die US-amerikanische Regierung erneut Truppen zur Unterstützung nach Afghanistan schicken. Der Distrikt Sangin, der für die Herstellung von Rohopium bekannt ist, soll mittlerweile von den Taliban eingenommen worden sein.

Während sich die USA, China, Pakistan und Afghanistan nun für Friedensgespräche mit den Taliban bis Ende Februar einsetzen, ist auch der selbsternannte „Islamische Staat“ in Afghanistan weiterhin auf dem Vormarsch. In der ostafghanischen Provinz Nangarhar konnten IS-Ableger im vergangenen Jahr mehrere Bezirke einnehmen.

Es kommt immer wieder zu erbitterten Kämpfen zwischen IS und Taliban. Man muss aber genau sehen, inwieweit das einen lokalen Hintergrund hat und der IS eine ganz neue Kraft ist, die auftritt. – Conrad Schetter, Afghanistan-Experte und Politikwissenschaftler

Ist Afghanistan wirklich sicher genug, um Geflüchtete heimkehren zu lassen? Darüber hat detektor.fm-Moderator Konrad Spremberg mit Conrad Schetter gesprochen. Der Politikwissenschaftler ist Afghanistan-Kenner und arbeitet am Internationalen Konversionszentrum in Bonn (BICC).

Conrad_Schetter-150x1991Wir gehen immer davon aus, dass es in Afghanistan Regionen gibt, die von einer besonderen Gewalt bedroht sind. De facto haben wir in Afghanistan viele Konfliktlinien, die sich überlappen. Ich habe bei all meinen Reisen durch Afghanistan nie einen sicheren Ort gefunden.Conrad SchetterWissenschaftlicher Direktor am Internationalen Konversionszentrum in Bonn. 

Redaktion: Johanna Siegemund