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Sicherheitskräfte patrouillieren am 12. November in den Straßen der Hauptstadt La Paz, nach dem Añes sich selbst zur Interimspräsidentin ernannt hatte. Foto: Ronaldo Schemidt | AFP
Bild: Ronaldo Schemidt | AFP

Aufruhr in Bolivien

„Es ist eine sehr gefährliche Lage entstanden“

Ein gespaltenes Land zwischen Machtwechsel, Unruhen und dem Gerede über einen Putsch. Nach 14 Jahren Stabilität ist Bolivien wieder von politischer Unsicherheit erfasst.

Der Fall von Evo Morales

Im Andenstaat Bolivien findet nach 14 Jahren ein Machtwechsel statt, der zurückgetretene Präsident beantragt Asyl in Mexiko und die Unruhen reißen nicht ab.

Die umstrittene Wiederwahl Evo Morales‘ vor knapp drei Wochen ist auf heftige Gegenwehr gestoßen. Große Teile der Zivilgesellschaft und die Opposition haben seinen Rücktritt und Neuwahlen gefordert. Dabei haben sie Unterstützung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) bekommen. Die Organisation hatte Unregelmäßigkeiten bei der Wahl festgestellt.

Nachdem die Polizei sowie das Militär ihm die Loyalität entzogen haben, ist Morales nach Mexiko geflohen. Per Videobotschaft hat er die Vorgänge als Putsch bezeichnet. Gestern Abend hat die Oppositionelle Jeanine Añez sich selbst zur Interimspräsidentin erklärt. Wohlgemerkt in Abwesenheit der sozialistischen Regierungspartei MAS und begleitet von Gegenprotesten.

Die Unruhen verschärfen sich

Ohne Morales im Land versuchen rechte Paramilitärs mit Polizei und Armee die Kontrolle in den Straßen verschiedener Großstädte zu übernehmen. So kursieren in den sozialen Netzwerken Videos von Festnahmen linker Gewerkschafter und indigener Aktivisten. In den Städten Cochabamba und El Alto ist es infolge des Einsatzes von Schusswaffen wohl zu sechs Toten und mindestens 30 Verletzten gekommen.

Die gemäßigten Kräfte der Opposition sind in den Hintergrund getreten zugunsten von Kräften, die in den vergangenen Tagen und Wochen eher als Scharfmacher aufgetreten waren. – Robert Lessmann, Autor von „Das neue Bolivien: Evo Morales und seine demokratische Revolution“

Bolivien zwischen Fortschritt und Defiziten

Evo Morales war der erste indigene Präsident Boliviens. Die Vergesellschaftung von Ressourcen und die verfassungsrechtliche Anerkennung indigener Sprachen und Kulturen waren Teil seiner Politik. Das vormals ärmste Land Südamerikas hat während der Präsidentschaft Morales‘ wirtschaftlich an Relevanz hinzugewonnen. Den Indigenen, der größten Bevölkerungsgruppe des Landes, ist erstmals die Teilhabe am wirtschaftlichen Wachstum ermöglicht worden. Mittlerweile gibt es eine indigene Mittelschicht.

Kritiker werfen Morales allerdings undemokratisches Verhalten vor. An der verfassungsstrittigen und womöglich  geschönten Wahl haben sich schließlich die Proteste entzündet.

Über die Unruhen im Land und die Hintergründe zu Morales‘ Rücktritt spricht detektor.fm-Moderatorin Marie Landes mit Robert Lessmann. Er hat das Buch „Das neue Bolivien: Evo Morales und seine demokratische Revolution“ geschrieben. Lessmann arbeitet aktuell für die Informationsgruppe Lateinamerika (IGLA) und die UN.

Redaktion: Liam Pape

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