detectiv – Die Recherche-Serie | Droht den „Euros für Ärzte“-Rechercheuren eine Klagewelle?

"Dann wären wir insolvent."

18.11.2016

correctiv.org und Spiegel Online haben eine Ärztedatenbank veröffentlicht. Dort kann man Zuwendungen von Pharmakonzernen an Ärzte einsehen. Dafür sollen sie nun verklagt werden.

Zuwendungen in Millionenhöhe

575 Millionen Euro – so viel Geld floss 2015 allein von 54 Pharmaunternehmen an Ärzte und Kliniken. Wer wissen will, wie viel Geld welcher Arzt erhalten hat, kann das auf der gemeinsamen Ärztedatenbank „Euros für Ärzte“ von correctiv.org und Spiegel Online nachschauen. Dort sind Zuwendungen der Pharmabranche an mehr als 20.000 Ärzte dokumentiert.

Das Geld wird meist in Form von großzügigen Reisekosten für Kongresse oder als „Honorar“ an die Ärzte gezahlt. Die heimliche Hoffnung der Pharmakonzerne: Die Ärzte verschreiben in Zukunft häufiger die hochpreisigen Medikamente des eigenen Unternehmens. So profitieren sowohl Ärzte als auch Medikamentenhersteller.

„Euros für Ärzte“ als Instrument zur Mandantenakquise

Doch Pharmakonzerne und Ärzte sind nicht die einzigen, die ihren Gewinn steigern möchten. Die Anwaltskanzlei „BKR Rechtsanwaltspartnergesellschaft“ aus Jena verschickt nun systematisch Briefe an jene Ärzte, die in der Datenbank stehen, und fordert sie auf, Klage gegen correctiv.org und Spiegel Online einzureichen: Die Datenbank stelle die gelisteten Ärzte als „käuflich“ dar und diffamiere sie damit öffentlich.

Ärztedatenbank für mehr Transparenz

Dabei ist die Tatsache, dass diese Zahlen überhaupt publik wurden, einer freiwillige Transparenzoffensive des Vereins „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e. V.“ (FSA) und des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) zu verdanken. Im Rahmen der „Initiative Transparenzkodex“ wurden die Zuwendungen von den Pharmaunternehmen an Ärzte und Kliniken veröffentlicht.

Diese freiwillige Transparenzoffensive entpuppte sich allerdings schnell als wenig aussagekräftig: Lediglich 75 Prozent der Unternehmen veröffentlichten ihre Zahlen und nur ein Drittel der Ärzte wollte namentlich genannt werden. Außerdem gab es keine zentrale Datenbank, in der alle Zahlen eingesehen werden konnten. Daher entschieden sich correctiv.org und Spiegel Online dazu, die einzelnen Listen in einer übersichtlichen Datenbank aufzubereiten.

Das Ziel: verpflichtende Transparenz

Markus Grill von correctiv.org findet, dass die freiwillige Initiative der Pharmaindustrie nicht ausreicht: lediglich 30 Prozent der Ärzte hätten einer Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt. Für mehr Transparenz bräuchte es eine bundesweite Regelung, die die Pharmakonzerne dazu verpflichtet, alle Zuwendungen an Ärzte offen zu legen – so wie es seit 2010 in den USA der Fall war: Im Rahmen des so genannten Physician Payments Sunshine Act muss dort jedes Pharmaunternehmen veröffentlichen, an welchen Arzt es Geld überwiesen oder für wen es Kosten übernommen hat.

Warum die Kanzlei nun hier das große Geschäft wittert, was das für correctiv.org bedeutet und wieso man über das Auftreten der Juristen durchaus die Stirn runzeln kann, erklärt der Chefredakteur des gemeinnützigen Recherchezentrums, Markus Grill, im Gespräch mit detektor.fm-Moderator Konrad Spremberg.


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