“Deutschland fehlen Fachkräfte” – alles nur ein Mythos?

04.07.2011

Nicht jede Krise taucht so plötzlich auf wie EHEC. Vor dem »Fachkräftemangel«, der ab 2020 drohen soll, wird immer wieder in lauten Tönen gewarnt. Aber kommt er überhaupt? Und falls nicht: warum wird das Gegenteil behauptet?

Die Hörsäle sind voll und dennoch warnen Experten vor einem drohenden Fachkräftemangel - zu Recht?  (© Martin Oeser / ddp)

Professor in Koblenz und Mit-Autor des Buches »Lügen mit Zahlen - Wie wir mit Statistiken manipuliert werden«.Dr. Gerd BosbachProfessor in Koblenz und Mit-Autor des Buches »Lügen mit Zahlen - Wie wir mit Statistiken manipuliert werden«.  

In 15 Jahren wird es 6,5 Millionen Erwerbstätige weniger in Deutschland geben, lautet eine Prognose, auf die sich die Bundesregierung beruft. Doch die Experten sind sich noch uneins darüber, ob das Problem des Fachkräftemangels überhaupt besteht.  Dennoch hat die Bundesregierung vor zwei Wochen ihr erstes Konzept gegen den Fachkräftemangel beschlossen. Vor allem Arbeitskräfte aus dem Ausland sollen einfacher ins Land kommen können. Weil die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland immer weiter sinken wird, reden manche bereits von einem drohenden „wirtschaftlichen Niedergang“ der Bundesrepublik.

Der Statistik-Experte Dr. Gerd Bosbach steht der Debatte skeptisch gegenüber:

Wenn wir Fachkräftemangel hätten, würde man sich um die heutigen Fachkräfte reißen – sich reißen hieße, man würde ihnen vernünftige Gehälter und Dauerstellen anbieten und keine Zeitarbeit oder Praktika.

Handelt es sich hier also um eine Phantomdebatte? Wie aussagekräftig sind langfristige Arbeitsmarktprognosen überhaupt? Und gibt es Statistiken, die einen Fachkräftemangel belegen? Das fragten wir Gerd Bosbach. Er ist Professor für Statistik und Empirische Sozialforschung und beschäftigt sich auch mit Statistik-Missbrauch.