Erdgasversorgung in Europa

Pipelines, Pech und Pannen

02.03.2015

Mit der jüngst vorgestellten Strategie für eine Energieunion will sich die EU unabhängiger von russischem Erdgas machen. Ob dabei Aserbaidschan und Turkmenistan geeignete Exporteure sind, ist fragwürdig. Wie kann die Erdgasversorgung der EU gesichtert werden?

Europa ist Energieimport-Weltmeister. Denn die Europäische Union (EU) bezieht mehr als die Hälfte seiner Energie nicht selber. Und das kostet EU-Staaten jährlich gut 400 Milliarden Euro. Besonders am Tropf hängt die EU beim Erdgas. Das wiederum stammt zu einem großen Teil aus Russland. Das Land hat die mit Abstand größten Erdgasreserven weltweit. Doch der Handel mit Russland wird auch durch die Ukraine-Krise komplizierter.

Energiemarkt soll verflochten werden

Brüssel will daher nach anderen Wegen und Partnern suchen. Die Europäische Kommission hat deswegen eine neue Energiestrategie entwickelt. Am vergangenen Mittwoch stellten die beiden EU-Kommissare Maroš Šefčovič und Miguel Arias Cañete ihre Pläne zur sogenannten Energieunion vor. An diesem Vorhaben sind ein gutes Dutzend Kommissare beteiligt. Es geht darum, mehr Strom- und Gasleitungen zwischen den EU-Staaten zu errichten und den Energiemarkt generell besser zu vernetzen. Damit soll die Energieversorgung der EU-Mitgliedsstaaten gesichert werden und ein europäischer Energiebinnenmarkt geschaffen werden. Durch die Energieunion könnte jährlich ein Betrag in zweistelliger Milliardenhöhe eingespart werden.

Auf der Pressekonferenz am Mittwoch hat der Kommissions-Vizepräsident Šefčovič das Motto umschrieben: „Wie beim Basketball müssen wir Full-Court-Pressing betreiben damit der Energieplan durchgeführt werden kann“.  Wie sein Kollege Arias Cañete ergänzt, verliere Europa jährlich bis zu 40 Milliarden Euro, weil es keinen verflochtenen Energiemarkt habe. Diese Summe entspräche rund 80 Euro pro Einwohner im Jahr.

Zusätzlich will die Kommission auch die Verträge zum Einkauf von Erdgas aus Drittstaaten transparenter machen und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten wie Russland vermindern. Unter anderem soll mehr Erdgas aus Drittstaaten wie Turkmenistan und Aserbaidschan importiert werden. Doch das ist nicht nur politisch fragwürdig, sondern auch logistisch schwierig. Denn das Erdgas müsste zum größten Teil durch Pipelines in die EU transportiert werden – Pipelines, die zum Teil erst noch gebaut werden müssten.

Mehrere Pipeline-Projekte schon gescheitert

Und das ist gar nicht so einfach. Dass ambitionierte Pipeline-Projekte durchaus scheitern können haben erst vor kurzem South Stream und 2013 die Nabucco-Pipeline gezeigt. In Bezug auf das Vorhaben, Erdgas aus Turkmenistan zu beziehen, versinnbildlicht die Einstellung des White-Stream-Projekts, dass Russland Konkurrenzlieferanten einfach ausschalten kann. Die geplante Strecke der Pipeline sollte über das Kaspische Meer und Georgien nach Rumänien und in die Ukraine verlaufen. Mit der Annexion der Krim durch Russland liegt dieses Bauvorhaben erstmal auf Eis.

Was hinter dem Scheitern so vieler Pipeline-Projekte steckt und ob sich die EU überhaupt von Russland unabhängig machen kann, darüber hat detektor.fm-Moderator Alexander Hertel mit Nikolas Wölfing vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung gesprochen.

Wölfing_Nikolas_ZEWOhne einen Rückgang des Gasverbrauchs in der Europäischen Union wird es fast unmöglich sein, den russischen Beitrag zur Erdgasversorgung zu senken. Dr. Nikolas Wölfingwissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Foto: E. Dichiser/ZEW 

Redaktion: Marie-Kristin Landes & Friederike Zörner