Flüchtlinge | Ein Helfer berichtet aus Calais

"Es gibt einen allgegenwärtigen Mangel - an allem"

16.02.2016

Der "Dschungel" ist ein menschenunwürdiges Wartezimmer. Tausende Geflüchtete warten in der improvisierten Zeltstadt in Calais auf eine Chance, nach Großbritannien zu gelangen. Sie nennen die Zeltstadt: den Dschungel. Doch Großbritannien macht dicht, während sich die Situation vor Ort immer weiter zuspitzt. Wie gefährlich die Lage in der französischen Hafenstadt ist, berichtet ein Helfer von vor Ort.

Es sind 50 Kilometer – nur. Das Ziel Großbritannien ist greifbar nah. Dort, wo Freunde und Verwandte warten und das Aufnahmeverfahren einfacher scheint, als in anderen EU-Staaten. Deswegen harren tausende Flüchtlinge oft monatelang in der improvisierten Zeltstadt am Eurotunnel aus, um den „Dschungel“ verlassen zu können.

Calais – Kein Weg vor oder zurück

Es gilt als eines der größten Flüchtlingslager Europas, doch eigentlich ist es nur ein Warteraum voller Geflüchteter. Nach mehreren Räumungsversuchen der improvisierten Zeltstadt ist ein „neuer Dschungel“ entstanden, in dem teilweise über 6.000 Menschen auf die Weiterreise nach Großbritannien warten. Immer noch versucht man, mithilfe von Schlepperbanden oder selbstständig auf LKWs zu gelangen, die im Eurotunnel Richtung „gelobtes Land“ fahren. Doch die britische Regierung unter Cameron hat sich eingezäunt. Die britisch-französische Grenze in der Hafenstadt ist mittlerweile unüberwindbar.

Der Staat beschränkt sich nur auf Repression. Das Camp ist mittlerweile eingezäunt, die Leute werden mit einer hochgerüsteten Polizei und Videoüberwachung daran gehindert, in den Hafen zu kommen und sich auf den Weg nach Großbritannien zu machen. – Michael, Freiwilliger Helfer

Der Dschungel gehört den Tieren, nicht uns

Die Zustände in Calais sind katastrophal. Das hat auch ein Gericht in Lille festgestellt, woraufhin es die französische Regierung im November vergangenen Jahres dazu aufforderte, die sanitären Einrichtungen zu verbessern. Die Regierung scheint auch weiterhin die Bewohner des Lagers schnellstmöglich loswerden zu wollen. Übergriffe durch die Polizei und, wie kürzlich bekannt geworden ist, durch rechte Bürgerwehren verschlimmern die Situation zudem.

Es gibt von Seiten der Polizei so gut wie keine Unterstützung. Zum einen, weil kein großes Vertrauen in die Polizei herrscht, und zum anderen durch einen fehlenden Ermittlungswillen. – Michael, Freiwilliger Helfer

Die Politik der Hilfsbereitschaft

Das Lager hat sich lange selbst organisieren müssen, bis Hilfsorganisationen die Geflüchteten unterstützten. Viele Hilfsorganisationen sind aber trotzdem nicht vor Ort. Auch die französische Regierung versucht nun, durch Bereitstellung von Containern ein menschenwürdigeres Leben zu ermöglichen. Die Wartenden lehnen das jedoch ab, denn eigentlich will keiner hierbleiben.

Der Staat hat kein Interesse, das Camp als offizielles Flüchtlingslager anzuerkennen oder die Leute zu registrieren. Aber auch die Menschen, die sich da aufhalten, wollen nicht registriert werden, weil sie ja weiter nach Großbritannien reisen möchten. Das ist auch ein Grund dafür, warum andere große Hilfsorganisationen da nicht tätig werden können oder auch wollen. – Michael, Freiwilliger Helfer

Michael ist einer von den freiwilligen Helfern, die sich nach Calais begeben haben. Dort hat er beispielsweise beim Bau einer Bildungseinrichtung mitgeholfen. Wie er den „Dschungel“ erlebt hat, berichtet er im Interview mit detektor.fm-Moderatorin Jennifer Stange.

Redaktion: Johanna Siegemund