Frau Kraushaar: “The Power Of Appropriation”

28.06.2012

Mal interpretiert sie dadistische Gedichte, dann kriecht sie miauend über die Bühne: Bei der Hamburger Musikerin Frau Kraushaar weiß man nie, was ihre Konzerte bereithalten. Musik ist für sie vor allem Experiment. Auf ihrer aktuellen Platte "The Power Of Appropriation" experimentiert sie mit alten europäischen Volksliedern.

Für sie ist Musik ein Experiment: Frau Kraushaar (Foto: Malin Schulz)

Frau Kraushaar - The Power Of Appropriation

The Power Of Appropriation

Frau Kraushaar

(Materie Records, bereits erschienen)

Obwohl hinter Frau Kraushaar eine auffällige und unangepasste Persönlichkeit zu stecken scheint, trägt sie wie jeder andere Bürger auch einen ganz normalen Namen: Sylvia Berger. In Hamburg, wo sie Bildende Kunst studiert hat, zählt sie zusammen mit den Herren von Studio Braun oder den Chicks on Speed zu den Lokalgrößen der Kulturszene. Ihre Auftritte mit der dazugehörigen selbst entworfenen Multimediakunst ecken eher an, als dass sie nur gefallen. So ähnlich ist es auch mit ihrer Musik, mit der Frau Kraushaar unter dem Motto ‚Do it yourself’ begonnen hat:

Die erste Platte, die ich aufgenommen hatte, die ich selbst so homerecording-mäßig herausgebracht hatte, klang eher so nach CocoRosie, bevor es CocoRosie überhaupt gab. Das war vor acht Jahren. Das war so ein Vierspurgerät, viele kleine Sounds, ganz viele Instrumente und sehr Lo-Fi aufgenommen. Die zweite Platte, da habe ich mich total mit Dadaismus beschäftigt, mit Lautgedichten, Klangsprachen und habe damals ziemlich heftig aufgelegt, so Elektro-Sachen und so und dann war das klar, dass das so eine Mischung aus Hörspiel, dadaistischen Texten und ein bisschen wild und verrückt sein sollte und ich wollte das auch total gerne.

Nicht ganz so wild und verrückt, aber dennoch ungewöhnlich, geht es auf Frau Kraushaars aktuellen Platte The Power Of Appropriation, auf Deutsch: die Kraft der Aneignung, zu. Was sie sich da angeeignet hat, sind vor allem in Vergessenheit geratene europäische Volkslieder. Die hat Frau Kraushaar auf ihrer letzten Tour durch Europa in den Kisten unzähliger Flohmärkte und in Plattenläden wiederentdeckt und aufpoliert. So wird auf The Power Of Appropriation in acht verschiedenen Sprachen gesungen, die Frau Kraushaar nicht alle beherrscht, sich aber …natürlich… angeeignet hat. Zum Beispiel in in Shomer Ha Chamot, da singt sie auf Hebräisch.

Gerade die Mischung verschiedenster Kulturen und Musikstile macht das Album zu einem besonderen Hörerlebnis und Frau Kraushaar zu einer Musikerin, die sich nicht festlegen kann oder will. Ganz im Zeichen des Titels der Platte, der Approriation-Art, ahmt Frau Kraushaar nicht nur verschiedene Sprachen, sonder auch alle möglichen Musikstile auf ihrer Platte nach. Von melancholischen Gitarrenstücken wie Amara Terra Mia, über das todtraurige Lied der Helene nur mit Klavierbegleitung bis hin zum wunderbar balkanesken Istanbul Konstantinopel bietet Frau Kraushaar auf ihrer Platte eine Reise quer durch Europa und wieder zurück.

Lediglich ein selbstgeschriebenes Stück gibt es zu hören – die restlichen 13 Lieder wurden neu von ihr inszeniert. Frau Kraushaar scheint also sichtlich fasziniert zu sein, vom Prozess der Nachahmung.

Die Appropriation-Art der 70er Jahre beschäftigt sich hauptsächlich damit, dass es ja schon Dinge gab und diese Dinge ahmt ein Künstler dann nach und zwar in einem bewussten Prozess. Ein unbewusster Prozess wäre keine künstlerische Nachahmung. Und da verändern sich dann verschiedene Faktoren, zum einen die Person, die das neu reproduziert bzw. produziert. Die anderen Faktoren sind Raum, Zeit, Ort, politische Umstände, alles, was man in einen soziokulturellen Topf reinschmeißen kann. Das sind ganz interessante Aspekte, denn dort kann man sich fragen: Was leistet das Original, was leistet die Nachahmung bzw. die Reproduktion? Welche Faktoren verändern sich? Das sind alles sehr spannende Dinge, die ich mag.

Spannend sind auch die Geschichten, welche auf der Platte erzählt werden: Mal spricht ein Zigeuner von seiner Heimat und von Armut, mal klagt ein liebeskrankes Mädchen dem Hörer ihre Sehnsucht, im nächsten Moment steht man nachts verlassen, einsam und wahrscheinlich betrunken in Moskau auf der Straße. Das ist es auch, wofür Frau Kraushaar steht: Man kann sich nie sicher sein, was als nächstes passiert. Sie setzt das um, was sie gerade bewegt. Dieses Mal waren es vergessene Volkslieder in neuem Gewand, mal sehen was es beim nächsten Mal wird. Eins wird es ganz sicher nicht: gewöhnlich.