Großbritanniens Zurückhaltung in Ukraine-Krise

Ohrenbetäubende Funkstille

11.02.2015

Kein Wort von David Cameron zur Ukraine-Krise. Großbritannien hält sich auffallend zurück. Dabei ist ein solches Verhalten für das Vereinigte Königreich eher untypisch. Entfernt sich Großbritannien immer weiter vom weltpolitischen Geschehen? Warum hält man sich so zurück?

Vornehme Zurückhaltung?

Wenn es um eine Meinung zu militärischen Konflikten geht, waren die Briten doch sonst nicht so zurückhaltend. Was ist da los auf der Insel?

Im internationalen Militäreinsatz in Libyen war man 2011 mit Luftschlägen an vorderster Front dabei. Nach diesem Vorbild sollte auch eine Intervention in Syrien 2013 stattfinden, doch die ist am Widerstand des britischen Unterhauses gescheitert.

Seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise hält sich Großbritannien dezent mit einer eigenen Position zurück. Während Merkel und Steinmeier schon früh die Rolle der Krisendiplomaten übernommen haben, ist von David Cameron nichts zu hören.  Das beklagt nun auch die britische Times in einem Meinungsartikel. „If you want a safer world for us, PM, take part in it“ titelte sie am Sonntag. Im BBC  Interview fühlt sich auch ein ehemaliger britischer NATO-Kommandeur vom britischen Premierminister im Stich gelassen.

Den amerikanischen Forderungen nach Waffenlieferungen in die Ukraine gibt der britische Außenminister Philip Hammond nun teilweise nach.  Er hält sich Waffenlieferungen offen–entgegen der Position der Partner in Deutschland und Frankreich.

Dennoch sind Merkel und Hollande das aktuelle Powerpaar der Krisendiplomatie in der Ukraine. Bei dem heutigen Treffen in Minsk hoffen sie auf einen entscheidenden Vorstoß in den Verhandlungen. Cameron wird dies nur von der Seitenlinie aus beobachten können.

Unterhauswahlen stehen vor der Tür

Doch woran liegt das? Hat sich Cameron etwa an der Syrien-Krise die Finger verbrannt? Oder sind die Briten nur einfach nicht interessiert an der Ukraine?

Es ist Wahljahr in Großbritannien.  Möglicherweise hält der Wahlkampf Cameron zurück. Im Mai wird das Unterhaus neu gewählt und damit auch ein möglicher neuer Premierminister vereidigt. Mit dem Nein der Schotten zum Referendum hat er eine mögliche Trennung des Vereinigten Königreichs knapp abgewendet.

Dennoch steht es um Cameron in Umfragen nicht allzu gut. Die  Labour-Partei liegt zwar nur knapp vor den konservativen Tories, doch vor allem die Konkurrenz durch die eurokritische UKIP Partei macht ihm in den kommenden Wahlen zu schaffen.

Über die Gründe für die britische Zurückhaltung in der Ukraine-Krise spricht unser Moderator Christian Bollert mit Jürgen Krönig. Er ist freier Journalist in London und war unter anderem für die Zeit und ARD tätig.

ist Journalist und England-Korrespondent u.a. für die Wochenzeitung «Die Zeit»."Speak softly and carry a big stick" - Sprich sanft, aber trage einen Knüppel bei dir. Und den Knüppel, den haben die europäischen Mächte nicht mehr.Jürgen Krönigist freier Journalist in London und berichtet seit mehreren Jahren über die britische Politik.  

Redaktion: Natalie Schorr