Segregation von Geflüchteten: Eine Chance?

Ein Viertel Heimat in der Fremde

15.02.2016

Segregation – die deutsche Regierung assoziiert damit soziale Brennpunkte und Ghettos. Wissenschaftler hingegen denken dabei an Chinatown oder Little Italy und meinen, dass Segregation auch einen erheblichen Beitrag zur Integration leisten kann. Brauchen wir ein Neu-Damaskus oder Neu-Aleppo?

Segregation – Das Ghetto im Kopf?

Das Asylpaket II ist und bleibt weiterhin ein Streitpunkt in der Bundesregierung. Nachdem man sich nach knapp drei Monaten endlich auf einen Kompromiss im Asyl- und Aufenthaltsrecht geeinigt hat, spaltet das Thema Integration erneut die Regierungsparteien. Der Entwurf der CDU trifft auf Gegenkritik der SPD-Linken. Ausnahmen beim Mindestlohn und Strafen für „Integrationsunwillige“ würden den Integrationsprozess entschleunigen.

Wir haben eine Vorstellung von einer Gesellschaft, in der Unterschiede nicht so stark herausgehoben werden sollen. – Norbert Gestring, Sozialwissenschaftler an der Universität Oldenburg

Der CDU wird eine „Politik ohne Verstand“ vorgeworfen. Doch wie integriert man hunderttausende Flüchtlinge und vermeidet eine Segregation? Die Angst vor der Ghettobildung durch die räumliche Ausgrenzung ist groß. Mit Sorge schaut man dabei auf soziale Brennpunkte wie beispielsweise den französischen Banlieues.

Die Angst vor Parallelgesellschaften

Sprache, Bildung und Arbeit gelten für die Bundesregierung als Schlüssel für die erfolgreiche Integration. Auch die räumliche Eingliederung von Flüchtlingen soll helfen, Diskriminierung zu vermindern. Dabei gibt es zahlreiche Beispiele, die beweisen, dass räumliche Abgrenzung sich auch positiv auf die Integration auswirken kann. Chinatown und andere Viertel aus New York beweisen, dass die Auslebung der eigenen Kultur eine Brücke zur Integration bilden kann.

Ethnische Kolonien in Großstädten können Halt und Orientierungshilfe gewähren. Dass sich Menschen auch in der Fremde gut selbst organisieren können, beweist beispielsweise das jordanische Flüchtlingslager in Al-Zaatari. Denn Segregation ist nicht gleich Segregation. Räumliche Trennung ethnischer Gruppen kann funktionieren, wenn Integration über die Faktoren Bildung und Arbeit garantiert wird.

Die Menschen, die in solchen Armutsvierteln leben, fühlen sich durch ihre Arbeitslosigkeit ausgegrenzt. Wenn man sich dann von sozialen Kontakten zurückzieht und nur unter sich bleibt, dann kann das problematisch werden. – Norbert Gestring

Warum Segregation auch eine Chance für die Integration sein kann, hat detektor.fm-Moderatorin Jennifer Stange mit dem Sozialwissenschaftler Norbert Gestring besprochen. Er erforscht Integration in urbanen Räumen an der Universität in Oldenburg.

NorbertGestringEine Stadt ohne Segregation ist erstens langweilig und zweitens unter den Bedingungen, die wir heute in den Städten haben, auch gar nicht herzustellen.Norbert Gestringist Sozialwissenschaftler und Stadtforscher an der Universität Oldenburg.  

Redaktion: Johanna Siegemund