Islamwissenschaftler Ghadban: «Es ist eine demographische Revolution»

22.02.2011

Das sagt Islamwissenschaftler Ralph Ghadban über die Revolution in den arabischen Ländern. Im Interview erklärt er uns, warum die Revolution vorhersehbar war.

In Libyen hat sich die Situation in den vergangenen 24 Stunden noch einmal verschärft. Ein mysteriöses Video des Staatsführers Gadaffi sorgt für Diskussionen, ob er sich überhaupt noch im Land befindet. Nach Tunesien und Ägypten wackelt nun offenbar das dritte Regime in diesem noch jungen Jahr. Eindrucksvoll demonstriert die Bevölkerung für mehr Demokratie und bessere Lebensbedingungen. Ist das wirklich eine arabische Revolution?

seit 1992 Migrationsforscher mit dem Schwerpunkt Islam in Europa.Ralph Ghadbanseit 1992 Migrationsforscher mit dem Schwerpunkt Islam in Europa. 

Ralph Ghadbahn ist Islamwissenschaftler und Politologe in Berlin und hat sich mit dem Phänomen der „arabischen Systeme“ auseinandergesetzt.

 

Christian Bollert: Herr Ghadban, Sie sprechen von einer „demographischen Revolution“. Warum?

Ralph Ghadban: Weil die Revolution ziemlich apolitisch ist. Sie passt nicht in den klassischen Rahmen der Revolutionen dort. Wir haben dort bis jetzt hauptsächlich Militärputsche gehabt. Die Opposition war nicht der Initiator der Bewegung die seit zwei Monaten in der arabischen Welt überall zu sehen ist. Das ist eine spontane Reaktion von der jungen Bevölkerung, die Kontakt untereinander über Facebook und Twitter hergestellt haben und zu Treffen und Demonstrationen aufgerufen haben, ohne die Parteien. Und das merkt man schon an ihren Slogans: sie wollen einfach Menschenrechte und Demokratie, mehr nicht. Es gibt keine Politisierung.

Bollert: Warum gehen denn die jungen Leute auf die Straße? Was treibt sie an?

Ghadban: Sie wollen leben. Ein Aspekt, der in letzter Zeit wenig Beachtung fand ist die Demographie. Die autoritären Regime, die vor 30-40 Jahren überall in der arabischen Welt entstanden sind, haben nicht darauf geachtet, dass sich die Bevölkerungsstruktur in ihren Ländern geändert hat. Mindestens 38 Prozent der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt, über die Hälfte ist unter 30, und für diese Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, für die muss man Arbeitsplätze schaffen. Doch die Ökonomien dort tun es nicht, weil diese korrupten Regime, die das Elend der Bevölkerung sozusagen durch Korruption und Ausbeutung und Bereicherung noch erhöht haben. Wir hören in den Medien von unvorstellbarem Reichtum in Milliardenhöhe. Und das zu einer Zeit, wo der Lebensstandard der Bevölkerung in den meisten arabischen Ländern ganz unten in der Weltskala steht.

Bollert: Das heißt der Hauptgrund ist, dass es eine sehr junge Bevölkerung gibt, die einfach arbeitslos und perspektivlos ist?

Ghadban: Genau. Die wollen arbeiten und leben. Sie können nicht einmal heiraten, weil sie keinen Job haben; Sie können keine Familie gründen, keine Wohnung mieten. In Ägypten zum Beispiel ist es üblich, dass Leute bis über 30 immer noch bei ihren Eltern wohnen, weil sie es nicht schaffen, eine eigene Wohnung zu haben. Und noch mehr: in den Wohnungen in den meisten Vierteln von Kairo, von denen wir sprechen, leben durchschnittlich über vier Personen in einem Zimmer, das heißt sie leben übereinander. Ein Drittel der Wohnungen bestehen aus 1-Zimmer-Wohnungen. Viele haben überhaupt keine Wohnung und leben auf Dächern. Die Krise ist enorm.

Bollert: Wie kann man denn diese Krise überwinden? Ist dieser aktuelle Prozess – die Revolution in Tunesien und Ägypten – ein erster Anlass, tatsächlich eine neue Gesellschaft zu entwickeln?

Ghadban: Ja, was sie wollen ist einfach ein Mitspracherecht, damit all diese sozialen Probleme diskutiert werden; damit sie das Gefühl haben, an der Gestaltung ihres eigenen Lebens politisch beteiligt zu sein und dass ein Rahmen geschaffen wird, der eine Chancengleichheit zum großen Teil gewährleistet. Aber ob alle diese Forderungen, die sie jetzt erheben, ihre Probleme lösen werden, bleibt dahin gestellt. Es ist jedoch die Grundvoraussetzung für die Problemlösung. Ein Beispiel: Die Geburtenkontrolle. Durch die Islamisierung der letzten Dekaden in diesen Ländern – also als der Islam als Zuflucht vor dem Elend und vor der Unterdrückung Aufwind gewonnen hat – ist die Geburtenkontrolle weitgehend verboten, und das Problem wird nicht diskutiert. Wenn jetzt aber ein demokratischer Rahmen geschaffen wird, dann können sie das diskutieren und auch die Notwendigkeit offen legen, diese Kontrollen ganz strikt und massiv einzuführen. Der demokratische Rahmen ist eine notwendige Vorraussetzung, damit diese durch die Religion tabuisierten Themen wieder offen behandelt werden können.

Bollert: Sie sind selbst im Libanon geboren und beobachten die Situation. Sind sie optimistisch, dass sich dort im Moment tatsächlich etwas positiv verändert?

Ghadban: Ich bin sehr optimistisch, denn der demokratische Rahmen ist eine Grundbedingung für jede mögliche Entwicklung. Es wird oft gesagt, dort entstehe eine Gefahr durch die Islamisten. Die Islamisten haben jedoch gemerkt, dass die Bewegung ohne sie gestartet ist. Sie versuchen sich an die Bewegung anzuhängen, aber mit Vorsicht. Sie haben bis jetzt nicht versucht, diese Bewegung zu vereinnahmen. In Tunesien haben sie keine Chance und Gelegenheit dazu, weil die Bewegung sehr schwach ist. In Ägypten sind sie stark und man muss die Situation genau beobachten, aber ich glaube nicht, dass die Gefahr der Vereinnahmung besteht. Daher bin ich im Großen und Ganzen sehr zufrieden. Das ist im Grunde genommen das, was der Westen immer wollte: Demokratie und Menschenrechte. Und plötzlich kommt es von innen, von der Basis, vom Herzen der Bevölkerung. Das begeistert mich und das muss man unterstützen.